Marktlücke

Eiskalte Leidenschaft


Kann man mit gefrorenem Wasser Geld verdienen? Klar! Man muss nur dran glauben ...

Birkenfeld. Erinnern Sie sich noch an den windigen Hehler Schlehmil aus der Sesamstraße? Der dem einfältigen Ernie Luft in einer Tüte andrehen wollte? Ähnlich zögerlich wie unser Ernie reagierte auch der Vorstand der Pforzheimer Sparkasse, als Reinhard Schweitzer 2003 einen Kredit für seine Geschäftsidee brauchte: „Ich will Deutschland mit Eiswürfeln versorgen.“

Gefrorenes Wasser in Tüten verkaufen? „Klingt wie der Versuch, in der Sahara Sand zu verticken“, dachte sich wohl der Banker, bekam kalte Füße und verwehrte den Kredit.

Ein Fehler, denn Reinhard Schweitzer (62) und Sohn Cars­ten (36) gründeten ihre Firma Crio Ice trotzdem. Heute verkaufen sich ihre Eiswürfel unter dem Markennamen „Icefrocks“ wie warme Semmeln. Erzielte man 2004 noch 500.000 Euro Umsatz, werden fürs laufende Jahr über 5 Millionen angepeilt.

„Beleidigung fürs Auge“

Wie kann das sein? Wieso kauft man Eiswürfel? Wo doch jeder daheim einen Eisschrank hat, in dem man die Dinger auch selbst produzieren kann. „Das dauert aber Stunden. Größere Mengen, zum Beispiel für eine sommerliche Gartenparty, sind so kaum herzustellen“, sagt Reinhard Schweitzer.

Und sowieso: Wie sehen diese Privat-Eiswürfel aus der Kühlschrank-Produktion denn überhaupt aus? Milchig trübe und voller Luftbläschen. „Eine Beleidigung fürs Auge!“, findet der Firmengründer.

Denn: Glasklar und massiv muss er sein, der beste und liebs­te Eiswürfel der Schweitzers. Er hört auf den Namen „Solid Frock“ und wiegt knapp unter 40 Gramm. Allein von dieser hochwertigen Sorte entstehen in 180 Modulen pro Stunde über 75.000 Stück. Das macht pro Tag 55 Tonnen.

Hohlkegel-Würfel, Crushed Ice und Scherbeneis hinzugerechnet, beträgt der Ausstoß pro Tag bis zu 100 Tonnen, den die rund 60 Mitarbeiter bewältigen.

Nicht nur im eisgekühlten Drink kommt Gefrorenes aus Pforzheim zum Einsatz: Scherbeneis hält die Auslage im Fischgeschäft kühl, in Metzgereien wird es der Wurstmasse und beim Bäcker dem Teig beigegeben. Sogar Beton wird es zugesetzt, um den Abbindevorgang punktgenau festzulegen. Und auch die englische Fußball-Nationalmannschaft griff bei der WM 2006 auf die Eisbeutel mit dem blauen Frosch als Markenzeichen zurück, um ihre Kicker zu kurieren. 

Weiter beschleunigen wollen Vater und Sohn auch ihr Geschäft, ohne sich dabei jedoch aufs Glatteis zu begeben: „In den ersten drei Jahren wurden wir auf der Suche nach Kunden vom Hof gejagt. Deutschland war Eiswürfel-Diaspora. Und wir waren die Missionare.“

Dann aber ging es Schlag auf Schlag: Heute hat das Unternehmen in Deutschland 6.000 Verkaufsstellen, vornehmlich in Tankstellen.

„Wir wollen den runden Würfel“

Inzwischen haben die Schweitzers sogar halb Europa ins Visier genommen: Ihre Produkte gibt es bereits in der Schweiz, Italien und Belgien. Und in Österreich gründeten sie 2008 eine eigene Firma, um dort ein flächendeckendes Vertriebsnetz aufzubauen.

Trotz aller Geschäftigkeit bleibt den beiden noch Zeit für Visionen. Jetzt nämlich wollen die Schweitzers eigene Eismaschinen entwickeln, um das bislang Unmögliche zu schaffen: „Die perfekte Form für Eis ist die Kugel! Wir wollen den runden Eiswürfel!“

Eisförmchen stehen Kopf

Während wir zu Hause Wasser in die Eisförmchen füllen und diese dann vorsichtig ohne zu schlabbern ins Gefrierfach bugsieren, hängen die Formen bei der Firma Crio Ice kopfüber in den großen Eismaschinen. Oben drüber verlaufen Kühlschlangen, von unten wird frisches Schwarzwald-Wasser in die Formen geblasen, das Schicht um Schicht gleichmäßig gefriert. Nach 20 Minuten ist der kristallklare „Eisfrock“ fertig. Nun wird die Form leicht erwärmt, der Würfel löst sich und purzelt aufs Förderband.

Info: Eis – ein cooler Stoff

Ein Zwei-Kilo-Beutel Crushed Ice kühlt 12 Flaschen 25 Grad warmes Bier innerhalb von 15 Minuten auf trinkfreudige 6 Grad Celsius runter. Ein Kühlschrank würde dafür et­liche Stunden brauchen.

Grund für die immense Sofortkühlung von Eis: Wenn es schmilzt, entzieht Eis seiner unmittelbaren Umgebung viel Wärme. So werden zum Schmelzen von einem Gramm Eis stattliche 335 Joule benötigt.

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