Interview

„Eine generelle Arbeitszeit-Verkürzung wäre fatal“


Warum sich die ostdeutschen Chemie-Arbeitgeber so vehement gegen die Ideen der Gewerkschaft wehren

Die totale Anpassung an das Tarifgefüge West brächte den Betrieben Personalmangel und viel höhere Kosten, sagt Paul Kriegelsteiner, Hauptgeschäftsführer von Nordostchemie.

AKTIV: 37,5 Stunden – das ist die tarifliche Wochenarbeitszeit in der westdeutschen Chemie. Wieso kämpft der Arbeitgeberverband so erbittert für die 40 Stunden?

Kriegelsteiner: Das ist die international übliche Arbeitszeit. Wir sind nicht der Westen und brauchen einen Wettbewerbsvorteil für den Osten als Produktionsstandort. Wir haben teure Energie, keinen Rhein, wenig Industriebesatz und eine schwierige Nachwuchssituation – irgendeinen Vorteil muss der Osten behalten. Übrigens: Die Zeiten der Massenarbeitslosigkeit mit Frühverrentung und Arbeitszeitabbau sind vorüber!

AKTIV: Sie fürchten also um den Nachwuchs für Ihre Betriebe?

Kriegelsteiner: Und wie. Die Anzahl der Erwerbspersonen geht im Osten wegen des Geburtenknicks nach dem Fall der Mauer rapide zurück. Im Westen wird das so nicht kommen. Jetzt für alle noch die Arbeitszeit zu verkürzen, wäre ein schlimmer Fehler und fatal für die ostdeutsche Chemie.

AKTIV: Für die Gewerkschaft ist das Angleichen der Wochenarbeitszeit eine Sache von „Gerechtigkeit und Fairness“.

Kriegelsteiner: Tariflich entlohnte Chemie-Mitarbeiter gehören zu den bestbezahlten Arbeitnehmern im Osten. Das ist fair und gerecht. Wir haben auch in schwierigen Zeiten den Anpassungstarifvertrag eingehalten.

Übrigens: Die Tarifgebiete im Westen liegen viel weiter auseinander als Berlin und der Osten.

Es ist wichtig, dass Unternehmen einen Anreiz haben, in Ostdeutschland zu investieren. Wir haben rasant wachsende Konkurrenz-Standorte, denken Sie nur an den Aufbau von Grundchemie etwa am Persischen Golf.

AKTIV: Wie groß genau ist der tarifliche Kostenvorteil im Osten gegenüber der West-Chemie?

Kriegelsteiner: Die von der IG BCE geforderte totale Angleichung des Tarifgefüges, vor allem bei der Arbeitszeit und der Jahressonderzahlung, würde einen Kostenschub von 12,7 Prozent bedeuten.

AKTIV: Und wenn man auch das auf etliche Jahre streckt?

Kriegelsteiner: Dann muss ich trotzdem jeder Firma, die sich für den Eintritt in unseren Arbeitgeberverband und die Bezahlung nach Tarif interessiert, ehrlicherweise sagen, dass das noch teuer wird. Ich hab es mehrfach erlebt: Solche Gespräche sind in letzter Zeit abrupt zu Ende, wenn ich von den Ideen der IG BCE berichte.

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