Nach der Wahl

Ein Unternehmer sagt, was die Wirtschaft erwartet


Arndt G. Kirchhoff:„ Es geht nicht an, dass naturwissenschaflicher Unterricht ausfällt!“ Foto: Roth

Attendorn. Die neue Bundesregierung – was muss sie anpacken? Darüber sprach AKTIV mit einem der namhaftesten Familienunternehmer: Arndt G. Kirchhoff, Chef des südwestfälischen Automobilzulieferers Kirchhoff-Automotive.

Was ist Ihr größter Wunsch an die neue Regierung?
Strom muss für Bürger und Industrie bezahlbar bleiben. Deshalb brauchen wir eine Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes.

Es gibt doch schon Vergünstigungen für die Industrie.
Nur wenige Betriebe werden von der Umlage für Ökostrom ausgenommen – weil sie besonders viel Energie verbrauchen, für unsere Wertschöpfungskette unverzichtbar sind und Grundstoffe wie etwa Aluminium für die weiterverarbeitende Industrie liefern. Alle anderen Unternehmen zahlen den gleichen Aufpreis wie die normalen Haushalte.

Soll die Politik die Energiewende stoppen?
80 Prozent der Deutschen wollen die Energiewende, weg vom Atomstrom und hin zu den Erneuerbaren. Da zieht auch die Industrie mit. Aber die Frage ist doch: Wie wird das gemanagt? Es muss eine Preisbremse eingebaut werden, damit wir wettbewerbsfähig bleiben. Die Kosten sind bei uns ja jetzt schon höher als in den Nachbarstaaten.

Wie soll das mit der Preisbremse funktionieren?
Die Vergabe immer neuer Subventionen an Ökostrom-Investoren muss gestoppt werden: Es läuft doch etwas falsch, wenn im sonnenarmen Deutschland, relativ zur Fläche, die weltweit höchste installierte Leistung an Photovoltaik steht! Und der Staat darf sich nicht so stark in den freien Handel mit Strom einmischen. Wenn er ihn den Energieversorgern und ihren Kunden überließe, könnten die Preise deutlich sinken.

Was sagen Sie zum Arbeitsmarkt? Im Wahlkampf wurde gefordert, den Missbrauch von Werkverträgen zu stoppen.
Die große Mehrheit der Unternehmen verhält sich korrekt, wenn sie Arbeiten auslagert. Nur über Arbeitsteilung funktioniert die Wirtschaft – es kann nicht jeder Betrieb zum Beispiel eine Schreinerei unterhalten. Es gibt Fälle von Missbrauch, dagegen muss man vorgehen. Aber ein Verbot von Werkverträgen würde uns ins Mittelalter zurückwerfen.

Kritiker sagen, Werkverträge würden genutzt, um keine Tariflöhne zahlen zu müssen.
In der Metall- und Elektro-Industrie, für die ich sprechen kann, werden faire Entgelte gezahlt. Da können Sie gerne die IG Metall fragen.

Wo sehen Sie denn Handlungsbedarf am Arbeitsmarkt?
Beim Thema Tarifeinheit. Wir müssen immer wieder mit ansehen, wie Mini-Gewerkschaften etwa den Bahn- oder Luftverkehr lahmlegen. In England wurde so vor 30 Jahren der Niedergang der Industrie eingeleitet. Der Gesetzgeber muss klar vorschreiben: ein Betrieb, eine Gewerkschaft.

Apropos Verkehr: Die Industrie fordert mehr staatliche Investitionen, wehrt sich aber gegen höhere Steuern. Wo soll das Geld dann herkommen?
Unsere Infrastruktur ist marode. Um Autobahnen, Wasserstraßen und Schienen sanieren zu können, muss die neue Regierung den Haushalt umschichten. Die Steuereinnahmen reichen aus. Eine Pkw-Maut brauchen wir übrigens nicht.

Distanziert sich die Wirtschaft vom Standort D? 2012 hat sie 4 Prozent weniger in Maschinen und Anlagen investiert …
Das macht mir auch Sorgen – hat aber nichts mit fehlender Heimatverbundenheit zu tun. Dass die Investitionen schon seit Jahren rückläufig sind, liegt am Nachfrageeinbruch in vielen Ländern Europas. Nicht zuletzt deshalb ist es so wichtig, dass Deutschland auch weiterhin den überschuldeten EU-Ländern bei ihren Reformanstrengungen hilft. Wenn es dort endlich wieder Wachstum gibt, werden unsere Unternehmen auch wieder mehr in Deutschland investieren. Uns geht es gut, wenn Europa stark ist. Schließlich gehen dort 60 Prozent unserer Exporte hin.

Zum Thema Bildung: Der Fachkräftemangel wird größer, gleichzeitig bleiben viele Schüler auf der Strecke. Was tun?
Wer eines der vielen Eingliederungsprogramme nutzt, an denen sich die Wirtschaft intensiv beteiligt, hat eine echte Chance. Beim Kampf gegen den Fachkräftemangel ist weniger der Bund als die Länder in der Pflicht. Es geht nicht an, dass naturwissenschaftlicher Unterricht ausfällt!

Herr Kirchhoff, wo steht der Industriestandort Deutschland in zehn Jahren?
Wenn wir die Energiekosten in den Griff bekommen, sehe ich große Chancen. Wir haben, nicht zuletzt durch unser gutes Ausbildungssystem, bessere Möglichkeiten als andere, Industriearbeitsplätze zu erhalten.

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Zur Person
Chef von 11.000 Mitarbeitern

  • Arndt G. Kirchhoff, 1955 in Essen geboren, hat Wirtschaftsingenieurwesen und Maschinenbau studiert. Er ist in vierter Generation geschäftsführender Gesellschafter der gleichnamigen Unternehmensgruppe mit rund 11.000 Beschäftigten.
  • Zudem ist Kirchhoff Präsident des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW). 

 

 

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