Themen-Special: Standort Bayern

Ein Balanceakt für jeden Betrieb: Wie man die Arbeitsplätze rentabel hält


Lohr am Main / Marktoberdorf / München / Nürnberg / Mertingen. Mit dem aktuellen Niveau der Arbeitskosten in Bayern „ist für uns die Schmerzgrenze erreicht“, sagt Ingrid Hunger. Sie ist Mehrheitsgesellschafterin der Firma Hunger Hydraulik mit Sitz im unterfränkischen Lohr am Main, die für viele Industriebranchen Komponenten und Anlagen herstellt. Um die Produktion im Freistaat zu sichern, investiert die Chefin aus Kostengründen auch im Ausland.

„Wir werden in Indien unsere Fertigung standardisierter Serienprodukte im Dichtungsbereich weiter ausbauen“, sagt sie im Gespräch mit AKTIV. Die sei ja „arbeitsintensiv“. Das Kerngeschäft Anlagenbau werde nicht verlagert. Aktuell arbeiten bei der Firma Hunger etwa 130 der 450 Beschäftigten im Ausland.

Wertschöpfung teilweise zu verlagern, kann Stellen im Inland sichern

Das ist der Balanceakt: produzieren in der Heimat – und sich halten im Wettbewerb! 4.372 Euro betrug schon 2014 das durchschnittliche Monatsbrutto in Bayerns Metall- und Elektroindustrie, ohne Sonderzahlungen, Sozialbeiträge der Betriebe und so weiter. Wie man trotz der hohen Löhne hineinpasst in die globalen Wertschöpfungsketten, gilt es immer wieder auszutarieren. Es ist entscheidend für unseren Wohlstand und unsere Arbeitsplätze.

Dass diese Herausforderung durchaus gemeistert werden kann, zeigt sich dieser Tage beim Traktorenhersteller Agco-Fendt mit Sitz in Marktoberdorf im Allgäu. „Unser Werk in Asbach-Bäumenheim bei Donauwörth liefert künftig Fahrerkabinen nicht mehr nur für die Fendt-Traktorenproduktion nach Marktoberdorf“, sagt Peter-Josef Paffen, Vorsitzender der Geschäftsführung, auf Anfrage dieser Zeitung. „Sondern auch für unsere Schwestermarken Massey Ferguson in Frankreich und Valtra in Finnland. Das erhöht die Wertschöpfung von Agco in Deutschland.“

Möglich war das nur, weil die Kosten in Asbach-Bäumenheim massiv gesenkt werden konnten, durch Umstrukturierungen und auch durch Automatisierung: „In den letzten fünf Jahren wurde das Werk mit umfangreichen Investitionen modernisiert und ausgebaut“, so Paffen. Durch die Produktion für die Schwestermarken kommen nun zusätzliche Arbeitsplätze dazu.

Doch es geht eben oft auch in die umgekehrte Richtung. Wenn es eng wird in einem Bereich, dann haben Unternehmen oft keine andere Wahl, als Wertschöpfung ins Ausland zu verlagern. Schon allein, um Schäden für das Ganze – und damit auch den Großteil der Inlandsbeschäftigung – abzuwenden.

Ein aktuelles Beispiel dafür ist Bosch-Rexroth. Der Spezialist für Antriebs- und Steuerungstechnik sitzt ganz in der Nähe des kleinen Familienunternehmens Hunger in Lohr am Main – und beschäftigt weltweit 33.700 Mitarbeiter, davon rund 16.800 in Deutschland. Kürzlich kündigte das Unternehmen im Produktbereich Mobile Anwendungen ein weitreichendes Sparprogramm an, ein Personalabbau an mehreren deutschen Standorten kann nicht ausgeschlossen werden, auch an bayerischen.

Interner Wettbewerb von Firmen-Standorten

„Wegen des enormen Kostendrucks wollen wir die Fertigungskapazitäten bestehender Niedrigkostenstandorte wie der Türkei nutzen“, teilt Bosch-Rexroth auf Anfrage mit. 450 Millionen Euro will man bis Ende 2018 einsparen und so den Produktbereich trotz „schwieriger Marktlage“ zukunftsfähig machen.

Jedes zweite Industrieunternehmen in Bayern hat mittlerweile mindestens ein Werk im Ausland. Bei denen mit mehr als 250 Mitarbeitern sind es zwei Drittel. Freilich: Auch die Nähe zum Kunden ist ein zentrales Motiv. Doch mit dem Gang über die Grenzen ist die Alternative geschaffen für den Fall, dass die Kosten zu Hause überschießen.

Deutlich wird das bei iwis, dem Münchner Hersteller von Präzisionsketten und mechanischen Antriebssystemen für die Automobil-Industrie und den Maschinen- und Anlagenbau. „Wir investieren zwar permanent an allen Standorten, schon allein um technisch up to date zu sein“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter Johannes Winklhofer im Gespräch mit dieser Zeitung. „Doch das Wachstum findet mehr und mehr im Ausland statt.“ iwis beschäftigt weltweit mehr als 1.300 Mitarbeiter, davon 650 im Inland. In den letzten Jahren hat man vier neue Werke errichtet, alle im Ausland: zwei in China und zwei in den USA. „Wir streben an, unser weltweites Geschäft mithilfe neuer Werke mehr als zu verdoppeln“, so Winklhofer. „Wir müssen dort sein, wo unsere Kunden sind.“

Neben der Marktnähe gehe es da auch um den Wegfall von Zöllen und um die politische Unterstützung vor Ort. Doch Winklhofer stellt klar: „Unsere Fabriken hierzulande stehen mit allen übrigen weltweiten Standorten im Wettbewerb.“ Damit sie wettbewerbsfähig bleiben, brauche es jetzt „einen deutlicheren Schritt Richtung Flexibilisierung, Stichwort 40-Stunden-Woche“. Die Lohnstückkosten in Bayern sollten nicht weiter steigen: „Die Arbeitskosten dürfen sich höchstens so erhöhen wie die Produktivität.“

Ja zum Flächentarif – auch das ein Balanceakt

Es sind also immer beide Dinge im Blick: die Kosten und die Effizienz. Wenn man im Inland produktiv ist, kann es auch bei der Beschäftigung aufwärts gehen – sogar wenn Teile der Wertschöpfung ins Ausland verlagert werden. Die Firma Leoni in Nürnberg ist ein Beispiel dafür. „Wir beschäftigen in Deutschland aktuell gut 4.300 Mitarbeiter, so viele wie nie zuvor“, sagt Vorstandschef Dieter Bellé zu AKTIV. Und stellt klar: „Wir müssen in einem Hochlohnland wie Deutschland stetig an unserer Effizienz arbeiten, um wettbewerbsfähig zu bleiben.“

Schon vor etwa 20 Jahren hat der Hersteller von Drähten, optischen Fasern, Kabeln und Kabelsystemen begonnen, die sehr arbeitsintensive und kaum automatisierbare Fertigung von Kabelbäumen nach Osteuropa zu verlagern. Man produziert etwa in Rumänien und in der Ukraine. Auch in Marokko, Tunesien und Ägypten ist die Firma tätig.

„Das zieht wachsende Kapazitäten im Inland nach sich“, betont Bellé. „Hierbei handelt es sich in der Regel um hoch qualifizierte Tätigkeiten in Bereichen wie Forschung und Entwicklung, Controlling, Supply Chain oder Projektmanagement.“ Aber auch in der Fertigung setze Leoni auf deutsche Standorte, insbesondere im Geschäft mit Drähten und Kabeln. „So werden wir in den kommenden drei Jahren etwa 70 Millionen Euro für eine hochmoderne Kabelfabrik in Roth bei Nürnberg investieren.“

Wer gut vorankommen will, braucht immer neue Ideen – und Freiräume. Beides zeigt sich etwa im schwäbischen Mertingen bei der Firma Fendt-Caravan (die nicht zu dem gleichnamigen Traktoren-Hersteller gehört). „Der jahrelangen Absatzkrise in der Caravaning-Branche haben wir mit innovativen Produkten für junge Leute und Dauercamper getrotzt, wir konnten so neue Käuferschichten gewinnen“, erzählt Geschäftsführer Klaus Förtsch. „Beim Weg aufwärts setzen wir auf unsere gut ausgebildeten Fachkräfte.“

Aktuell kommen zu den 540 Mitarbeitern in Mertingen 125 Zeitarbeitnehmer. „Dieser Anteil ermöglichte uns die Flexibilität, um Marktschwankungen auszugleichen“, betont Förtsch. In einer „schwierigen Marktphase“ habe man es sogar geschafft, „unsere Position in Europa auszubauen“. Vor drei Jahren wurde die Werkhalle vergrößert.

In allen sechs Firmen gilt der Flächentarifvertrag – mit dem Arbeitgeberverband und Gewerkschaft das Entgelt und viele weitere Themen regeln. Das schafft Sicherheit für den Betrieb wie für die Mitarbeiter, und es hilft, Konflikte zu vermeiden. Insgesamt orientiert man sich bei acht von zehn Beschäftigten in Bayern an diesem friedensstiftenden System. Dass es uns erhalten bleibt: Auch das ist Teil des Balanceakts der Betriebe.

Hier geht’s zur Startseite des Themen-Specials Standort Bayern:

Aktuell läuft es ganz gut in den meisten bayerischen Unternehmen. Doch die heimischen Standorte verlieren im Vergleich zum Ausland immer mehr an Gewicht. AKTIV erklärt die Zusammenhänge.

Artikelfunktionen


Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:

Unternehmen in diesem Artikel

AGCO Fendt GmbH

LEONI AG

Fendt Caravan GmbH

Map
Fendt Caravan GmbH
Gewerbepark Ost 26
86690 Mertingen

Zum Unternehmensfinder

Bosch Rexroth AG

Walter Hunger GmbH & Co. KG

Map

iwis Motorsysteme GmbH & Co. KG

Map
iwis Motorsysteme GmbH & Co. KG
Albert-Roßhaupter-Straße 53
81369 München

Zum Unternehmensfinder
Adventskalender-Gewinnspiel

Service-Angebote auf AKTIVonline:

Wirtschaftslexikon
Unternehmensfinder
Energiespar-Rechner
Messe-Kalender
Ferien-Kalender
'' Zum Anfang