Arbeitgeberverband

Dramatischer Wandel in der Arbeitswelt


Hessen Metall wird 60 Jahre alt

Die Regelung der Beschäftigungsbedingungen durch Tarifverträge gemeinsam mit den Gewerkschaften: Das ist die vorrangige Aufgabe von Arbeitgeberverbänden. Und das war der Ausgangspunkt, als am 29. Oktober 1947 in der Frankfurter Börse der Arbeitgeberverband der hessischen Metallindustrie gegründet wurde. Seitdem sind 60 Jahre vergangen.  AKTIV nimmt das Jubiläum zum Anlass, beispielhaft zu zeigen, wie sich die Arbeitswelt verändert hat.

Aufbau und Wirtschaftswunder kennzeichnen die 50er-Jahre. Die Einkommen folgen der wirtschaftlichen Entwicklung und steigen. Vieles wird langsam auch für den Normalverdiener erschwinglich: moderne Haushaltsgeräte ebenso wie Autos.

1950 liegt das monatliche Durchschnitts-Netto-Einkommen bei 213 Mark (umgerechnet 109 Euro). Zehn Jahre später  sind  monatlich  netto  bereits 425 Mark (umgerechnet 217 Euro) in der Lohntüte.

Vollbeschäftigung, vier Wochen Urlaub

Noch ist der Samstag ein Arbeitstag. Doch von 1956 bis 1967 wird die Wochenarbeitszeit von 48 auf 40 Stunden gesenkt und auf fünf Tage verteilt. Es herrscht Vollbeschäftigung. Vier Wochen Urlaub sind Ende der 60er-Jahre üblich. Die Ersten machen Ferien über die Landesgrenze hinaus. Die Alpen locken ebenso wie das Mittelmeer. Ferien in Italien sind der letzte Schrei.

In den 70er-Jahren wachsen weitere Ansprüche. Der Wohlstand für alle ist scheinbar gesichert. 1975 kann sich der Durchschnitts-Metaller über 1345 Mark Monats-Netto freuen (umgerechnet 688 Euro). Eine Arbeitszeitkampagne beschert jedem Metaller sechs Wochen Urlaub.

Arbeitslosigkeit, Billigimporte

Die 80er-Jahre bringen jedoch die Wende. Die Arbeitslosigkeit steigt. Denn Arbeit ist in Deutschland teuer geworden. Gibt es 1980 nur 889.000 Arbeitslose, klettert ihre Zahl bis 1985 auf 2,3 Millionen.

Löhne und Lohnnebenkosten sind hoch. Der durchschnittliche monatliche Netto-Lohn nimmt von 1765 Mark (902 Euro) auf 2433 Mark (1244 Euro) zu. Es sind vor allem die einfachen Jobs, die immer mehr wegfallen. An- und ungelernte Mitarbeiter verlieren immer häufiger ihren Arbeitsplatz. Andere Länder haben aufgeholt und produzieren viel günstiger. Billigimporte vor allem aus Asien drängen auf den deutschen Markt. 

Die Betriebe fangen an zu rationalisieren. Es wird modernisiert und vor allem automatisiert. Aufwendige Handarbeiten sind zu teuer. Viele Unternehmen verlegen Teile der Produktion in sogenannte Billiglohnländer. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs gehören dazu auch die ehemaligen Ostblock-Staaten.

Die Globalisierung ist nicht zu stoppen. Letztlich bestehen vor allem die kapitalintensiven Industrien wie der Maschinenbau, die Automobil- und Zulieferindustrie sowie die Elektronikindustrie. Pfiffige Ideen sind gefragt, um sich international durchzusetzen.  Dazu die sprichwörtliche deutsche Qualität und Termintreue – das sind die Pfunde, mit denen wir am internationalen Markt wuchern können.

Neue Berufe, Weiterbildung

Aus- und Weiterbildung spielen eine immer größere Rolle. „Lebenslanges Lernen“ ist angesagt. Viele klassische Ausbildungsberufe werden neu aufgestellt. Aus dem Dreher und Schlosser werden Industriemechaniker. Später folgen Mechatroniker und spezielle Berufe im Bereich der Informationstechnik. Ein neuer Trend ist inzwischen Studium Plus: die Kombination von Studium und betrieblicher Ausbildung.  Im August 2008 steht die Einführung eines weiteren neuen Berufsbildes an: Der Produktionstechnologe kommt.

Flexibilität, ERA bis Ende 2008

Die Unternehmen müssen schnell auf Auftragseingänge reagieren können, sich flexibel an Auftragsspitzen und Flauten anpassen. Starre Tarifverträge sind da hinderlich. Flexibilisierung und Differenzierung sind die Zauberworte, die erstmals in den 80ern in einem Tarifvertrag auftauchen und bis heute in die aktuellen Verträge einfließen.

Der Wandel in der Arbeitswelt führt schließlich auch zu dem neuen Tarifvertrag ERA. Nach einem langen Verhandlungsmarathon beschließen die Arbeitgeber der Metall- und Elektro-Industrie gemeinsam mit der IG Metall die Einführung eines einheitlichen Entgeltrahmen-Abkommens ERA. Arbeiter und Angestellte erhalten ein nach einheitlichen Kriterien ermitteltes Entgelt. Bis zum 31. Dezember 2008 müssen die Tarifverträge nun in den Unternehmen umgesetzt werden.

Tarifautonomie und Demokratie

Von Volker Fasbender Hauptgeschäftsführer von Hessen Metall

Zeitgleich mit der Geburt der republikanischen Demokratie in Deutschland – das war 1918 – wurde die Tarifautonomie erfunden: durch das Stinnes-Legien-Abkommen, das der Industrielle Hugo Stinnes und der Gewerkschaftsführer Karl Legien für die Sozialpartner unterzeichneten.

Es sah vor, dass in Zukunft die Arbeitsbedingungen für alle Arbeitnehmer durch „Kollektivvereinbarungen“ mit den Gewerkschaften abgeschlossen werden sollten.

Durch die Übernahme dieser Vereinbarung in die Weimarer Verfassung entstand die Tarifautonomie.

Sie wurde mit der Verankerung im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland  nach dem Krieg erneuert  – wiederum zeitgleich mit der Wiedergeburt der Demokratie.

Die Tarifautonomie ist ein hohes Gut mit Verfassungsrang. Der Flächentarifvertrag sorgt dafür, dass die Tarifverhandlungen außerhalb der Betriebe geführt werden. Er sichert so den Betriebsfrieden und spart Kosten, weil nicht jede Firma eigene Tarifverhandlungen führen muss.

Die Tarifautonomie ist ständig gefährdet – durch Übergriffe der Politik. Vier Jahre nach der Wiedergründung von Hessen Metall kam es 1951 zum ersten deutschen Streik: in Hessen.

Der damalige Ecklohn betrug 1,10 D-Mark. Die IG Metall wollte 8 bis 12 Pfennig Erhöhung, die Arbeitgeber maximal 2 Pfennig mehr bezahlen. Der damalige Ministerpräsident Georg August Zinn bestellte zornig Gewerkschaft und Arbeitgeber ein und erklärte, er lasse in seinem „Hessenländsche“ keinen Streik zu.

Die Arbeitgeber sollten unverzüglich der Gewerkschaft ein Angebot unterbreiten mit 8 Pfennig mehr Lohn. Die Arbeitgeber lehnten mit der Begründung ab, dass der Staat kein recht habe, sich hier einzumischen. Die Tarifautonomie in Hessen bestand ihre erste große Bewährungsprobe. Die Tarifpartner einigten sich – nach dem Streik.

Auch heute ist die Tarifautonomie gegen Übergriffe der Politik zu verteidigen. Schnell wird der Ruf nach dem Staat laut. Sei es beim Mindestlohn, wo der Staat meint, besser als der Markt zu wissen, was für Arbeit bezahlt werden muss. Und gegen Gefahren aus der Zersplitterung der Arbeitnehmerseite in kleine berufsständische Gruppen – wie zum Beispiel beim Lokführerstreik.

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