Urteile

Doppelte Haushaltsführung: Steuer-Regeln werden großzügig ausgelegt

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Wer in einem weit entfernten Betrieb arbeitet und sich deshalb eine zweite Wohnung in der anderen Stadt nimmt, kann eine Menge Steuern sparen – wenn das Finanzamt diese „doppelte Haushaltsführung“ anerkennt. In der Praxis gibt es darüber oft Streit. Wobei sich der Bundesfinanzhof dann immer wieder viel arbeitnehmerfreundlicher zeigt als die örtlichen Finanzbehörden, wie zwei aktuelle Fälle zeigen.

Zum einen ging es da um die Frage, ob eine 141 Kilometer vom Betrieb entfernte Zweitwohnung noch als Unterkunft „am Beschäftigungsort“ anerkannt werden kann. Ja! So befanden nun die Bundesrichter – denn es kommt stets auf alle Aspekte des Einzelfalls an. Die betroffene Arbeitnehmerin konnte ihren Arbeitsort vom Ort der Zweitwohnung aus per ICE in einer Stunde erreichen: Laut Urteil ist „ein solcher Zeitaufwand für Fahrten zwischen Wohnung und Arbeitsstätte angesichts steigender Mobilitätsanforderungen nicht unüblich“.

Außerdem hatte die Firma ihren Sitz zunächst noch am Ort der Zweitwohnung gehabt. Dass die Mitarbeiterin sich dort eine Wohnung gekauft hatte, war also „offenkundig beruflich veranlasst“ – woran die spätere Verlegung der Firma nichts ändert.

Die Formulierung „Wohnen am Beschäftigungsort“, so die Bundesrichter weiter, geht übrigens auf einen Erlass aus dem Jahr 1930 zurück. Und angesichts der seitdem dramatisch veränderten Arbeitswelt muss diese Vorgabe eben heutzutage sehr weit ausgelegt werden.

Im zweiten Fall ging es um die Frage, ob auch die Kosten einer Wohngemeinschaft am Arbeitsort anerkannt werden können. Wobei der betroffene Arbeitnehmer am Heimatort mit seiner Frau zusammenlebte – und in der WG am Arbeitsort mit einer anderen Frau. Dieser private Hintergrund ist aber laut Urteil steuerlich egal: Man kann den zweiten Haushalt mit Freunden, Kollegen oder auch Geliebten führen – das Einkommenssteuerrecht sieht insoweit keine weitere Motivforschung für die gewählte Wohnform am Beschäftigungsort vor. Es kommt darauf an, „ob der zweite Haushalt am Beschäftigungsort konkreten beruflichen Zwecken dient“.

Wann aber ist die zweite Wohnung wirklich kein Fall mehr für die Steuererklärung? Wenn sich im Lauf der Zeit „der Mittelpunkt der Lebensinteressen an den Beschäftigungsort verlagert und die Wohnung dort zum Ort der eigentlichen Haushaltsführung wird“.

AKTIV-Tipp: Lehnt Ihr Finanzamt die Kosten einer doppelten Haushaltsführung ab, sprechen Sie darüber mit einem Steuerberater. Denn Protest und notfalls Prozess können sich durchaus lohnen, wie die geschilderten Fälle zeigen.

(Bundesfinanzhof, 19.4.2012, VI R 59/11 und 28.3.2012, VI R 25/11)


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