Der Mensch bleibt am Drücker

Digitalisierung: Wie die Chemie-Sozialpartner das Megathema „Arbeit der Zukunft“ angehen

Die Digitalisierung wird die Arbeit in der Produktion enorm verändern. Wie geht die Chemie-Branche damit um? Welche Rolle spielt dann noch der Mitarbeiter? Darüber diskutierten die Sozialpartner jetzt in Frankfurt.

Es kann losgehen: Das Kommando erteilt der Mitarbeiter, nicht der PC. Foto: Infraserv

Es kann losgehen: Das Kommando erteilt der Mitarbeiter, nicht der PC. Foto: Infraserv

Reden miteinander: BAVC-Präsidentin Margret Suckale, Arbeitsministerin Andrea Nahles, IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis (von links). Foto: Stiirn

Reden miteinander: BAVC-Präsidentin Margret Suckale, Arbeitsministerin Andrea Nahles, IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis (von links). Foto: Stiirn

Frankfurt. In der Chemie-Industrie geht es nicht nur um Technik. Sondern auch um Mitarbeiter: Welche Herausforderungen bringt die Digitalisierung der Arbeit für die Menschen mit sich? Wie gehen wir künftig damit um? Diese Frage diskutierten die Sozialpartner jetzt auf der Fachtagung „WORK@industry 4.0“ in Frankfurt mit Arbeitsministerin Andrea Nahles.

Undenkbar für frühere Generationen

Die Arbeit in der Produktion wird immer stärker intelligent vernetzt: Maschinen, Anlagen, Produkte, Lager und Werkzeuge kommunizieren miteinander. Und erreichen dank mobiler Endgeräte auch die Mitarbeiter. Da sich Digitalisierung und Industrie 4.0 – wie die Globalisierung – nicht aufhalten lassen, muss man sie aktiv mitgestalten.

Darauf setzen jedenfalls Arbeitgeber und Gewerkschaft: Sie wollen die Wettbewerbsfähigkeit der drittgrößten Industriebranche sichern. „Die Digitalisierung wird unsere Vorstellung von Wirtschaft, Arbeit und Gesellschaft tiefgreifend verändern“, sagt Michael Vassiliadis, Vorsitzender der Chemie-Gewerkschaft IG BCE.

Ein Beispiel: Versieht man Anlagenteile mit Sensoren, melden die Ermüdungserscheinungen oder drohenden Ausfall. Und Versuche, die bisher im Labor stattfinden, lassen sich künftig am „Megacomputer“ modellieren. „Das ist eine enorme Erleichterung bei der täglichen Arbeit“, erklärt Margret Suckale, Präsidentin des Arbeitgeberverbands Chemie (BAVC). „Da werden Dinge vorstellbar, die für frühere Generationen undenkbar waren.“

Der Einsatz von Computern habe dabei das Ziel, die Mitarbeiter zu unterstützen, und nicht, sie zu ersetzen: „Am Ende wird der Mensch die Entscheidung treffen, welchen Zug er macht“, so die Präsidentin. Computer können Daten intelligent auswerten, Schlüsse ziehen und Aktionen planen. „Bei kreativen, innovativen Prozessen sind kognitive Systeme dem Menschen unterlegen – das wird sich auch in den nächsten Jahrzehnten nicht ändern“, berichtet Professor Wilhelm Bauer, Leiter am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO.

Wissens- und Büroarbeit werden sich durch den Einzug künstlicher Intelligenz erheblich verändern

Laut einer Studie des IAB-Forschungsinstituts der Bundesagentur für Arbeit nutzt heute bereits jeder zweite Betrieb digitale Technologien. Arbeit wird flexibler und mobiler.

Suckale: „Das braucht Regeln, und die wollen wir gemeinsam mit dem Sozialpartner entwickeln.“ Ein großes Thema für die Betriebe ist dabei die Flexibilität: „Künftig können wir arbeiten, wo, wann und wie wir wollen“, sagt Professor Bauer. „Der Einzug von Systemen mit künstlicher Intelligenz wird die Wissens- und Büroarbeit noch ganz erheblich verändern.“

Da passen Arbeitszeitregelungen aus der Vergangenheit, als es weder Handys noch Laptops gab, nicht mehr so recht ins Bild. Die Unternehmer setzen deshalb auf eine Modernisierung. Die wünschen sich viele Beschäftigte ebenfalls: Sie würden gerne zu flexibleren Zeiten arbeiten – zum Beispiel, um sich ihren Kindern oder älteren Angehörigen widmen zu können.

„Die Leute wollen mehr mobil von zu Hause und unterwegs arbeiten“, weiß Arbeitsministerin Nahles zu berichten. Viele Chefs sähen das noch kritisch. „Da gibt es viel zu tun!“, findet sie. Vassiliadis nickt: „Wir wollen eine neue Ära der Arbeitszeit – mit deutlich mehr Wahlmöglichkeiten für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Dafür lohnt es sich im beidseitigen Interesse, gute Ideen und Gestaltungsmöglichkeiten zu entwickeln.“

Das Smartphone einfach mal abschalten

Geboten sind achtsame Führung durch das Management und Eigenverantwortung beim Einzelnen. Nahles empfiehlt, Smartphones und Notebooks „auch mal auszuschalten“. Ihr geht es zudem um Datenschutz, Arbeitszeit und Qualifizierung. Seit April 2015 diskutiert die Ministerin die Veränderungen und Chancen der neuen Arbeitswelt mit Verbänden, Gewerkschaften und Unternehmen. Am Jahresende steht als Grundlage möglicher Gesetzesänderungen ihr Weißbuch.

Das orts- und zeitflexible Arbeiten ist ohnehin bereits im Fokus der Sozialpartner. Dazu kommen Themen wie Aus- und Weiterbildung sowie gutes und gesundes Arbeiten. Sie wollen die Zukunft aber so weit wie möglich selber gestalten – ohne Einfluss aus der Politik.

Die Fachtagung bildet übrigens den Auftakt für einen Branchen-Dialog zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt.


Mehr zum Thema:

Es führt kein Weg drumherum: Die Chemie-Branche muss sich schnellstmöglich auf die Digitalisierung vorbereiten. Wie das strategisch geht, haben wir in Frankfurt Henrik Hahn von der „Task Force Industrie 4.0“ gefragt.

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