„Integrieren statt ausgrenzen“

Diese Arbeitsvermittlerin verschafft Asylbewerbern einen qualifizierten Job

Augsburg. An so manchem Stammtisch würde Johanna Löhner sicher angefeindet, wenn sie dort über ihre Arbeit spräche. Sie kümmert sich um Asylbewerber, die sich in Deutschland ein neues Leben aufbauen wollen. Es sind Menschen wie Ahmed, der seinen vollständigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.

Der hochgewachsene Mann aus Nigeria steht am Bohrwerk eines Metallbetriebs, als die Jobvermittlerin der Arbeitsagentur an diesem heißen Sommertag dort vorbeischaut. Löhner will sehen, wie er in seinem Job als Hilfskraft zurechtkommt. Und sie will Überzeugungsarbeit leisten: „Ich möchte, dass er eine Ausbildung macht und sich so eine sichere Existenz in Deutschland aufbaut.“

Schließlich hat der 27-Jährige in seiner Heimat Elektrotechnik studiert. Flüchtlinge wie er sind es, deren Potenzial Löhner für den Arbeitsmarkt erschließt.

Ihr Credo: „Integrieren statt ausgrenzen.“

Argumente gegen Hetz-Parolen

Das sehen so manche hierzulande allerdings anders. Sie zünden Flüchtlingsheime an, gehen gegen Asylbewerber auf die Straße. Während ihre Schmährufe von Rechtspopulisten begierig aufgegriffen werden, finden Argumente wie die von Professor Herbert Brücker weniger leicht Gehör. „Die Leute kommen, um zu arbeiten“, sagt der Volkswirt und Migrationsexperte vom IAB-Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit.

Und zusätzliche Arbeitskräfte würden in den nächsten Jahren dringend gebraucht, um unseren Wohlstand zu sichern, sagt Brücker: „Ohne Zuwanderung wird in Deutschland die Zahl der Menschen, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, deutlich sinken.“

Vor dem islamischen Terror geflohen

Das Statistische Bundesamt hat das Minus kürzlich errechnet: Bis 2030 geht die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter um mehr als fünf Millionen Menschen zurück. Die Zahl der Rentner hingegen wird weiter steigen.

Viele Zuwanderer seien gut ausgebildet. Unter den Bürgerkriegsflüchtlingen befänden sich viele Akademiker, weiß Migrationsforscher Brücker – auch wenn aus einigen außereuropäischen Ländern viele Flüchtlinge ohne abgeschlossene Berufsausbildung kämen.

Zurück zu Johanna Löhner und dem jungen Asylbewerber in dem Metallbaubetrieb. In Dasing, eine halbe Autostunde von ihrem Büro in Augsburg entfernt, erzählt der Nigerianer Ahmed, wie er vor der Terrorgruppe Boku Haram fliehen musste, die seine Heimat in eine Hölle verwandelt. Nach 18-monatiger Odyssee über die Türkei und Griechenland kam er vor drei Jahren in Deutschland an. Jetzt jobbt er als Hilfskraft. „Ich muss Geld verdienen. Ich brauche es auch für meine Familie in Afrika“, sagt der Asylbewerber, der vor einigen Monaten einen Deutschkurs besuchte.

Beim Thema Ausbildung aber bleibt Löhner hartnäckig. Denn es sei ihr Job, „den Menschen zu helfen, ihr Potenzial auszuschöpfen“. Deshalb arbeitet sie im Projekt „Early Intervention“, zu Deutsch: „Früher Eingriff“, mit, das 2014 von der Bundesagentur für Arbeit, vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sowie den regionalen Bleiberechtsnetzwerken gestartet wurde.

Eine Arbeitsstelle ist die beste Integration

Das Ziel: Asylbewerbern möglichst schnell eine qualifizierte Stelle oder einen Ausbildungsplatz zu vermitteln. Inzwischen beteiligen sich bundesweit neun Agenturen an dem Programm. Und die ersten Erfolge zeigen sich: So konnten die Augsburger unter anderem drei Männer bei einem Versandhändler unterbringen, einen bei einem Autozulieferer und einem jungen Mann eine Lehrstelle als Kfz-Mechatroniker vermitteln.

Woche für Woche erhält die Arbeitsagentur vom Migrations-Bundesamt Listen mit Namen von Neuankömmlingen. Dann fährt Löhner in die Flüchtlingsheime und geht mit den Asylbewerbern einen Fragebogen durch. Welche Ausbildung? Welche Berufserfahrung? Deutsch- oder Englischkenntnisse?

Und sie stößt auf viele Talente: wie den Schweißer aus Pakistan, den Maler aus Nigeria, den Groß- und Außenhandelskaufmann aus der Ostukraine oder den Kongolesen, der in seiner Heimat ein Informatikstudium begonnen hatte.

Einige ihrer Kunden, so die offizielle Bezeichnung in der Arbeitsagentur, warten seit Jahren auf eine Entscheidung der Asylbehörden, ob sie im Land bleiben dürfen.

Immerhin können Asylbewerber jetzt hoffen: Der Bundestag hat entschieden, dass gut integrierte Ausländer leichter als bisher eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Sie müssen seit mindestens acht Jahren in Deutschland leben, ihren Unterhalt „überwiegend durch Erwerbstätigkeit“ bestreiten und Deutschkenntnisse aufweisen.

Junge Asylbewerber und Ausländer ohne Aufenthaltsstatus müssen zudem während der Zeit einer Ausbildung keine Abschiebung mehr fürchten. Damit wurde eine Forderung der Wirtschaft erfüllt. Schließlich suchen viele Betriebe händeringend Nachwuchs. Zudem wurde die Frist, nach der Asylbewerber eine Arbeit annehmen dürfen, von neun auf drei Monate verkürzt.

Der Druck auf die Arbeitsvermittler nimmt indessen zu, denn der Flüchtlingsstrom schwillt immer mehr an. Für dieses Jahr rechnet die Bundesregierung mit bis zu einer Million Asylanträgen. Im vergangenen Jahr lag die Zahl noch bei rund 203.000.

Johanna Löhner ist zuversichtlich, dass sie vielen Flüchtlingen helfen kann: „Wer die Strapazen und Gefahren einer Flucht auf sich genommen hat, kann sich durchboxen – und macht auch beruflich seinen Weg.“


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