Voll auf die Rübe

Die Zuckerbranche wandelt sich – das merken Landwirte, Industrie und Verbraucher

Die Zuckerrübenernte läuft auf Hochtouren – und zum letzten Mal nach den Regeln der EU-Zuckerquote. Im kommenden Jahr gibt es keine Mindestpreise mehr. AKTIV war bei einem Landwirt und in einer Zuckerfabrik.

Gutes Geschäft: Landwirt Johannes Brünker während der Kampagne. Foto: Straßmeier

Gutes Geschäft: Landwirt Johannes Brünker während der Kampagne. Foto: Straßmeier

Frisch vom Acker: Per Fernsteuerung reinigt Heinrich Hesse die eingetroffenen Rüben. Foto: Straßmeier

Frisch vom Acker: Per Fernsteuerung reinigt Heinrich Hesse die eingetroffenen Rüben. Foto: Straßmeier

Sauber: Werkleiter Stefan Mondel zeigt eine gewaschene Knolle. Foto: Straßmeier

Sauber: Werkleiter Stefan Mondel zeigt eine gewaschene Knolle. Foto: Straßmeier

Zwischenprodukt: Laborantin Helene Vossler begutachtet den Zuckersaft. Foto: Straßmeier

Zwischenprodukt: Laborantin Helene Vossler begutachtet den Zuckersaft. Foto: Straßmeier

Wabern/Weilerswist. Ein riesiger brauner Berg mitten auf dem Acker. „200 Tonnen werden das schon sein“, schätzt Johannes Brünker. Der Rübenbauer im rheinischen Weilerswist klopft sich den Staub von der Jacke, den hier die Transportfahrzeuge durch die Luft wirbeln. Eines nach dem anderen karrt die Rüben bis zur nächsten Zuckerfabrik, währenddessen befüllt ein Reinigungslader die Anhänger und trägt den Rübenberg ab.

Die Kampagne, wie die Ernte und Verarbeitungszeit von Zuckerrüben genannt wird, ist in vollem Gange. „Ein wichtiger Einkommensbeitrag“, erklärt der Landwirt. „Noch.“

Der Branche stehen große Umwälzungen bevor. Dieses Jahr verläuft die Ernte das letzte Mal unter den Regeln der EU-Zuckerquote. Die fällt ab kommendem Herbst weg. Bauern dürfen dann so viel verkaufen, wie sie wollen. Doch mit dem garantierten Mindestpreis, für den die Industrie die Tonne abnimmt, ist dann Schluss. Nicht mehr die EU-Politik bestimmt die Preise, sondern der Weltmarkt.

Die Preise werden demnächst sinken

Wie sich das auswirkt? „So richtig kann das noch niemand sagen“, so Brünker. „Vielleicht ist es eine große Chance für uns.“ Für die nächsten drei Jahre immerhin hat der 53-Jährige Gewissheit. So lange läuft die Vereinbarung, die er mit seinem Abnehmer, der Zuckerfabrik, getroffen hat. Bauern und Industrie handeln einen Preis pro Tonne aus, ohne dass sich die Politik in Gestalt der EU-Kommission einmischt.

Landwirt Johannes Brünker hat einen von bundesweit rund 30.000 Betrieben, die unter anderem mit Zuckerrüben ihr Geld erwirtschaften. Im vergangenen Jahr wurden insgesamt in den 20 Fabriken 18,2 Millionen Tonnen Rüben zu rund drei Millionen Tonnen Zucker verarbeitet.

Ein Trend ist jetzt schon absehbar: „Es wird mehr Wettbewerb geben, und die Zuckerpreise werden sinken“, erklärt Agrarökonom Professor Martin Banse vom Thünen-Institut in Braunschweig. „Landwirte müssen zukünftig sehen, ob es sich noch lohnt, Rüben anzubauen.“

Denn der Rübenzucker kommt durch ein Konkurrenzprodukt unter Druck: Isoglucose. Das ist Zucker aus Maisstärke. Auch für dessen Herstellung fällt die Quote. „Isoglucose wird deutlich Marktanteile gewinnen“, sagt Banse.

Apropos Konkurrenz: Zwar hebt die EU die Zuckerquote auf, an Schutzzöllen für den EU-Zuckermarkt hält sie aber fest. Denn zum Beispiel der weltgrößte Zuckerproduzent Brasilien sichert sich große Wettbewerbsvorteile. Die Zuckerrohr-Bauern werden vom Staat kräftig subventioniert.

Neue Marktregeln, neue Anbieter: Dieser Strukturwandel trifft nicht nur die Erzeuger, sondern auch die Hersteller. Hierzulande sind das die vier Unternehmen Nordzucker, Südzucker, Pfeifer-Langen und Suiker Unie.

Deutschlands Zucker-Industrie – ein Ortstermin im Südzucker-Werk Wabern bei Kassel. Von weitem sind schon die Wasserdampf-Wolken zu erkennen, die aus dem langen Schornstein in den Himmel steigen.

Im Werk herrschen bis zu 40 Grad, der süßliche Rübengeruch ist allgegenwärtig. Hier werden pro Jahr bis zu 700.000 Tonnen zu Weißzucker verarbeitet.

„Für uns eröffnen sich mit der Veränderung der Zuckerverordnung neue Möglichkeiten“, sagt Stefan Mondel und schaut von oben in die mächtige Waschanlage, die gurgelnd die Rüben durch das Wasser schleudert. Der Werkleiter von drei der insgesamt neun Südzucker-Fabriken ist zuversichtlich. „Wir werden zukünftig mehr produzieren, weil wir dann wieder exportieren dürfen.“

Die Herstellung dauert nur einen Tag

Das war mit der jetzt noch gültigen EU-Verordnung nur sehr begrenzt möglich. Südzucker spricht von einem Exportanteil im einstelligen Prozentbereich, der künftig steigen soll. „In der nächsten Zeit werden also die Kampagnen länger laufen“, schreit Mondel gegen den Lärm die ratternden Transportbänder und zischenden Kessel an. Einen Tag dauert es, bis aus der mit Erdklumpen überzogenen Knolle feiner weißer Zucker wird. Die größten Abnehmer sind Süßwaren- und Getränke-Industrie.

Das Verfahren ist komplex: Kurz nachdem die Rüben angeliefert werden, kommen sie in eine Teststation, wo Mitarbeiter als Erstes den Zuckergehalt feststellen. „Der kann sehr schwankend sein und hängt von den Wachstumsbedingungen ab“, erklärt der Werkleiter. Eine Rübe enthält zwischen 14 und 20 Prozent Zucker. Der Gehalt ist wichtig für die Bauern – nach ihm richtet sich der Preis.

Riesige Schneidemaschinen zerkleinern die Rüben zu Schnitzeln. Diese werden in einer Maische auf 70 Grad erwärmt. So öffnen sich die Zellwände, und der Zucker kann sich herauslösen. Es entsteht ein brauner Saft, der noch mal gereinigt und eingedickt wird. In einer Zentrifuge trennen sich zum Schluss die Zuckerkristalle vom Sirup. Damit nichts schiefläuft, kontrollieren Mitarbeiter in einer Leitzentrale auf etlichen Bildschirmen alle Maschinen und Prozesse. Das alles im Schichtbetrieb rund um die Uhr, während der Kampagne von September bis Dezember.

Und wenn die vorbei ist, steht die Fabrik dann still? „Keinesfalls“, so Werkleiter Mondel. In dieser Zeit warten und reparieren Mitarbeiter die wuchtigen Maschinen – für die Hochsaison im nächsten Jahr.

Dann hat in der Zuckerbranche die neue Zeitrechnung, für Bauern, Erzeuger und Verbraucher, längst begonnen.


Zu viel davon ist gar nicht gut

Weißes Gold: In riesigen Säcken lagert das fertige Produkt. Foto: Straßmeier
Weißes Gold: In riesigen Säcken lagert das fertige Produkt. Foto: Straßmeier
  • Zu hoher Zuckerkonsum schadet nicht nur den Zähnen, sondern belastet auch das Herz-Kreislauf-System.
  • Er kostet das Deutsche Gesundheitssystem laut einer Studie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 8,6 Milliarden Euro pro Jahr.
  • Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, dass der tägliche Verbrauch von Zucker nicht mehr als 5 Prozent der Energiezufuhr ausmachen soll.
  • Das entspricht etwa 25 Gramm pro Tag. Tatsächlich konsumieren die Deutschen aber etwa 85 Gramm pro Kopf.

Mehr zum Thema:

Konsumieren die Deutschen tatsächlich immer mehr Zucker? Sind Honig und brauner Zucker wirklich gesünder als weißer? Und kriegt man davon in der Tat schlechte Zähne? Süße und bittere Wahrheiten lesen Sie hier.

Artikelfunktionen


Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:

'' Zum Anfang