WorldSkills 2013 in Leipzig

Die WM der Berufe zu Gast in Deutschland: Hier kämpfen die Helden der Arbeit

In fliegender Hast: Christian Kemmerer, deutsche Nationalmannschaft, Disziplin Bauschreiner, im Wettkampf. Für Gold reichte es am Ende nicht ganz – aber für den vierten Platz. Foto: Straßmeier

Leipzig. Es wird eng für ihn, er muss fighten, „komm schon!“, feuert er sich selbst an.

Christian Kemmerers Hände fliegen geradezu über das eingespannte Stück Holz, greifen wechselweise nach Zollstock, Hobel, Schraubzwinge, unter seinen Füßen staubt ein dicker Teppich aus Sägemehl.

Ein kunstvoller Fensterrahmen. Mit geschwungenem Sprosseneinsatz! Bald muss das alles fertig sein, wenn er hier zum Helden werden will.

Hallo? Moment mal! Bevor man da was missversteht, von wegen „Held der Arbeit“ und so: Von dem ollen gleichnamigen DDR-Orden hat Kemmerer wahrscheinlich noch nie gehört, er ist ja erst 21.

Muss er auch nicht. Denn der angestellte Bauschreiner-Meister aus Hessen hat es an diesem Tag in den Leipziger Messehallen auf ein ganz anderes Stück Edelmetall abgesehen: auf Gold nämlich. Bei den „WorldSkills“!

World … was? Erklärung in Kurzform: Das hier ist eine Art Olympiade der Berufe. In 46 Disziplinen, von Automechaniker und Grafikdesigner bis zu Goldschmied, Friseur und Altenpfleger, treten dabei Azubis und junge Fachkräfte aus aller Welt gegenein­ander an.

1.004 Teilnehmer aus über 50 Nationen am Start

Zuletzt maß man vor zwei Jahren in London die Kräfte und Talente. Und nun, Anfang Juli, eben hier in Leipzig. Das Ganze ist ein gigantisches Spektakel: exakt 1.004 Wettkämpfer aus gut 50 Ländern, 200.000 Besucher als imposante Kulisse, Live-Übertragung zum Public Viewing in der Innenstadt inklusive. Ein Hauch von WM-Flair eben. Arbeiten als Sport.


Fotostrecke zur WorldSkills 2013


1,2 Tonnen Schokolade im Kampf der Konditoren

Sie kleben 22.000 Fliesen, mauern das Brandenburger Tor in Miniatur, warten einen Hubschrauber, verbacken 1,2 Tonnen Schokolade, kochen Hühnerleber-Parfait und „Mystery Fish“.

Alle sind jung, das Höchstalter bei den WorldSkills beträgt 22 Jahre. Und alle sind gut. Sehr gut sogar: Wer hier antritt, hat sich bereits in regionalen und nationalen Wettbewerben durchgesetzt.

Sich motivieren, die Leistung abrufen

Logisch: „Was wir hier an Leistung sehen, geht weit über das Niveau der normalen Ausbildung hinaus“, sagt Michael Linn, der sogenannte Chief Expert in der Disziplin Mecha­tronik. Und schwärmt, während sich hinter ihm zwei asiatische Teilnehmer lautstark über den richtigen Aufbau ihrer Miniatur-Produktionsanlage zoffen, in höchsten Tönen: „Alle profitieren hier, die Jugendlichen genauso wie ihre Unternehmen.“ Die Teilnehmer müssten „sich unter Stress beweisen“. Und „dem Wettbewerbsdruck standhalten“!

Darauf nämlich, so führt Wettkampfleiter Linn aus, kommt es hier an: „Cool bleiben – auch wenn’s gerade mal nicht so läuft.“ Sich selbst motivieren, seine Leistung abrufen, darum geht es. Egal ob man als Landschaftsgärtner Hochbeete anlegt oder als Produktionstechniker solarbetriebene Sortierstationen für Getränkeverpackungen baut.

„Andererseits kommen die Experten der Unternehmen mit ihren Kollegen aus aller Welt zusammen, können herausfinden, wo sie mit der Qualität ihrer Ausbildung stehen“, sagt Linn noch.

Wobei gerade da durchaus Unterschiede zu beobachten sind: besonders im Vergleich von Asien und Europa. Das jedenfalls findet Hermann Studnitzka, der Coach des österreichischen Mechatroniker-Teams. „Wir Europäer vermitteln unseren jungen Leuten das Rüstzeug, selbstständig Lösungen zu entwickeln – aber die Asiaten lassen sie vor allem auswendig lernen.“

Wenn Chinesen oder Koreaner dann im Arbeitsalltag auf unvorhergesehene Probleme stoßen, glaubt Studnitzka, „dann kommen sie ins Schleudern“.

Vier Tage Vollgas nur für die Ehre

Nun ja. Bei der Berufe-Weltmeisterschaft schneiden die Teams aus Fernost seit Jahren mehr als beachtlich ab. Da klingt es ein bisschen wie Pfeifen im Walde, ihnen systembedingte Schwierigkeiten anzudichten.

In denen aber steckt definitiv, jetzt am Ende des ersten Wettkampftags, der Bauschreiner Christian Kemmerer.

Denn soeben hat der Schiri in Halle 4 die Holzfensterbauerei für heute beendet. Und der Held der Arbeit versucht sich an einem Zwischenfazit: „Ganz zufrieden“, sei er mit dem Tag – okay, eine halbe Stunde hinke er immer noch hinter dem Zeitplan her, aber das sei morgen alles aufzuholen.

Sein Trainer Richard Schauer ist da skeptischer. „Du arbeitest gut“, sagt er, „du arbeitest genau.“ Aber: „Das kostet dich zu viel Zeit, du musst morgen mehr auf Tempo gehen.“

Es ist wie der Dialog zwischen einem Boxer und seinem Trainer. Kemmerer tropft der Schweiß vom Ziegenbart, erschöpft lehnt er sich an die Bande: „Sauanstregend!“

Warum tut man sich das an: vier Tage Vollgas, für nichts als die Ehre? „Weil das hier einzigartig ist, einfach alles, das Flair, neben mir kämpft ein Neuseeländer, in meinem Rücken ein Franzose, das ist doch der Hammer.“

Ja, klar, die Asiaten würden in der Heimat gepusht, man munkelt was von Autos für gewonnene Goldmedaillen, von Wohnungen, von Arbeitsverträgen auf Lebenszeit.

Aber was soll’s: Monatelang hat sich Kemmerer auf Leipzig vorbereitet, Prüfungsstücke geübt, Verbindungen zwischen verschiedenen Materialien trainiert. „Oft bin ich erst um Mitternacht aus der Werkstatt gegangen. Das machst du doch nur, wenn da Leidenschaft hintersteckt und nicht bloß ein Job zum Geldverdienen.“

AKTIV war dabei: Das Video zur WorldSkills 2013

Ein schwarzer Tag für die Robo-Boys

Eine Leidenschaft – die manchmal leider eben auch Leiden schafft. Martin Reichert und Thomas Kühler, beide 21, erleben das gerade: Die beiden Thüringer, als Medaillenkandidaten angetreten im Wettbewerb „Mobile Robotik“, haben einen gebrauchten Tag erwischt.

Ihr Roboter, ein kniehoher Kasten auf Rädern, will heute nicht so recht gehorchen. Statt kleine Minipaletten mit Holzfigürchen zielsicher und unfallfrei zu bugsieren, vollführt er eine eigentümliche Mischung aus Breakdance und Sekundenschlaf. Horror! Immer wieder blicken sich die beiden Deutschen an, ihre gezischten Kommentare bleiben mal besser unzitiert.

„Die Jungs haben zu viel riskiert“, urteilt ihr Betreuer Ulrich Karras. „Im Training hat noch alles geklappt – aber da war der Untergrund ein anderer.“ Jetzt müssen Kühler und Reichert mit ansehen, wie zur Überraschung aller die Iraner diesen ersten Wettbewerbstag dominieren.

Aber deshalb die Köpfe hängen lassen? Auf keinen Fall. Dafür war der Weg nach Leipzig zu mühsam. „Morgen ist ein neuer Tag – wir ändern ein paar Parameter, und dann drehen wir das Ding!“

Interview: Ein Psycho-Experte zum Wert des Fun-Faktors im Job

Tim Hagemann. Foto: dpa
Tim Hagemann. Foto: dpa

„Spaß ist der Motor, der uns antreibt“

Herdecke. Die Teilnehmer der WorldSkills in Leipzig haben es vorgemacht: Einsatz bis zum Umfallen, aber dabei den Spaß an der Aufgabe nie vergessen! Wie wichtig ist eigentlich Spaß im Job? Und was passiert, wenn wir ihn verlieren?

AKTIV hat Tim Hagemann gefragt, Professor am Institut für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin in ­Herdecke im Sauerland.

Herr Hagemann, muss einem Arbeit wirklich unbedingt Spaß machen?
Das wäre zu empfehlen. Spaß ist schließlich in allem der Motor, der uns antreibt. Und es ist einfach so: Das, was man gern tut, macht man auch gut.

Woran liegt das eigentlich?
Man ist schlicht motivierter, wenn man Dinge aus eigenem Antrieb angeht, sie mit Freude erledigt, ­anstatt immer nur Vorgaben zu erfüllen, die man von außen bekommt.

Wie kann man sich den Spaß im Job erhalten?
Ein Trick ist, erzielte Erfolge immer wieder sichtbar zu machen, sich bewusst zu machen, was man geschafft hat. Viele verlieren den Spaß am Job, wenn sie den Eindruck haben, jeden Tag aufs Neue in ­einer Mühle zu stecken.

Und wenn der Spaß mal ausbleibt?
Es ist beileibe nicht unnormal, dass man sich auch mal aufraffen muss. Aber wenn die Freude längere Zeit vermisst wird, sollte man sich schon fragen, wie lange der letzte Urlaub her ist. Oder ob man­ ­mal einen Tapetenwechsel braucht.

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Fakten: Deutsches Team holt neun Medaillen

Erstmals seit 1973 war die WM der Berufe wieder in der Bundesrepublik zu Gast. Vier Tage lang kämpften mehr als 1.000 junge Spezialisten um Punkte. Deutschland trat in 36 der 46 Disziplinen an, das Team holte neun Medaillen (Details: bit.ly/Medaillen).

Nach Angabe des Veranstalters waren rund 200.000 Menschen auf dem Messegelände und bei den offiziellen Veranstaltungen in der Stadt dabei.

Die nächste WM findet 2015 in Brasilien statt.

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