Reportage

Die Strippenzieher


Flügel für das Meer: Eine Geschichte von Seebären, Stromkabeln und inneren Stimmen

Was für ein Plan: 40 Offshore-Windparks vor der deutschen Küste sollen zukünftig zig Millionen Haushalte mit Strom versorgen. Per Kabel soll der Saft an Land transportiert werden. Spezialfirmen stehen in den Startlöchern. AKTIV hat eine besucht.

Da ist sie wieder, diese merkwürdige innere Stimme. Sie hat sich herangeschlichen an ihn, leise, katzenhaft, so wie immer. Jetzt ist sie da, und Jan-Uwe Borstel weiß genau, was sie ihm sagen will: „Du warst schon wieder zu lange an Land, Junge. Du musst wieder raus! Aufs Meer!“

Borstel (45) steht auf der Brücke der „Nostag 10“, einem Spezial-Schiff, gebaut eigens für die Verlegung von Seekabeln auf dem offenen Meer. Unten an Deck herrscht hektische Betriebsamkeit. Männer eilen umher, bellen in ihre Funkgeräte, laden Ausrüstung, in einer Ecke wird geschweißt. „Wir rüsten um, neuer Auftrag“, sagt Borstel, der Kapitän, knapp.

In vier Tagen soll sein Schubleichter, eine sogenannte Barge, die Pier in Nordenham an der Unterweser wieder verlassen, Kurs nehmen auf die Ostsee. Ziel ist der Offshore-Windpark Rödsand II, ein paar Seemeilen vor der dänischen Insel Lolland gelegen. Und Borstel, so scheint es, würde am liebsten sofort aufbrechen. „Du fühlst dich halt am wohlsten bei dem, was du am besten kannst. Bei uns heißt das: Kabel verlegen!“

„In diesem Markt ist wahnsinnig Musik“

Kabel! Es ist dieses eine Wort, das derzeit halb Norddeutschland zu elektrisieren scheint. Grund dafür ist die boomende Windenergie-Gewinnung auf hoher See. Nach einem Beschluss des alten Bundeskabinetts sollen in den kommenden Jahren bis zu 40 neue Windparks in Nord- und Ostsee gebaut werden. Deren 2.500 Windräder sollen dann Strom liefern – für zig Millionen Haushalte.

Nur: Da, wo der Strom erzeugt wird, auf hoher See eben, wird er nicht gebraucht. Er muss an Land. Und um ihn dahin zu transportieren, braucht man Kabel. Hersteller dieser speziellen Energieseekabel rechnen daher mit einer wahren Auftragsflut.

Auch Rudolf Stahl, Chef der Norddeutschen Seekabelwerke (NSW) in Nordenham, denkt so. Stahl steht vor dem Fenster seines Büros, aus dem man die firmeneigene Nostag 10 sieht, auf der Kapitän Borstel mit den Hufen scharrt. Stahl ist in Eile, murmelt etwas von „wenig Zeit“, und „Telefonkonferenz mit den Japanern“; es sind aufregende Tage hier, am sonst so idyllischen Weserufer.

Dann setzt sich Stahl doch für einen Moment, über die Verkabelung von Offshore-Windparks spricht er schließlich gern. „Dieser Markt ist die Zukunft, da ist wahnsinnig Musik drin“, sagt Stahl. Endlich, nach Jahren des Aufschiebens, gehe es voran mit der Windenergie auf See. „Da wollen wir dabei sein“, so Stahl.

Kabel-Erfahrung hat man ja genug: Seit 110 Jahren produziert NSW Seekabel, vorrangig für den Telefon- und Datenverkehr. 1904 staunte die Weltöffentlichkeit, als ein NSW-Kabel die Nordseeinsel Borkum erfolgreich mit New York verband. Revolutionäres will man jetzt wieder auf die Beine stellen: bei den Energieseekabeln.

Die ersten Projekte haben die Nordenhamer bereits erfolgreich umgesetzt: Für den Forschungswindpark „Alpha Ventus“, 45 Kilometer nördlich von Borkum, produzierte und legte man die Kabel. Und auch beim ersten kommerziellen deutschen Windpark, „Bard Offshore I“, sind sie mit von der Partie. „Das ist erst die Startphase“, glaubt Stahl.

Der Beweis für diese Überzeugung liegt einen Steinwurf entfernt, ist 150 Meter lang und 40 Millionen Euro teuer: Eine neue Werkhalle, eigens gebaut für die Fertigung von Energieseekabeln. Ihr Herz ist die gigantische Verseilmaschine, in der aus Kupfer-, Glasfaser- und Kunststoffsträngen die kilometerlangen Kabel geflochten werden. „An einem Stück“, betont Ingenieur Jörn Wieland, um störungsanfällige Muffenverbindungen zu vermeiden. „Wenn man an einem Landkabel einen Defekt hat, ist das kein Problem“, sagt er. „Auf See kostet das schnell Millionen.“

Tausende Tonnen Kabel an Bord

Wieder zurück auf dem Spezialschiff Nostag 10. Die riesige Kabeltrommel an Deck ist nach tagelanger Arbeit endlich gefüllt. Auch die Ausrüstung der neun Taucher, die die Kabel in der dänischen See in die Windräder einführen werden, steht an Deck. „40 Kilometer Kabel für Rödsand II haben wir jetzt an Bord, das sind ein paar Tausend Tonnen“, sagt Matthias Hoch, Projektleiter für die Seekabel-Installation.

Sooft er kann, kommt er an Deck: „Hier tobt das Leben, hier siehst du, wofür du zwölf Stunden am Tag arbeitest.“ Hoch klettert die Treppe zur Brücke rauf, hält dann inne, dreht sich um und deutet auf die malochende Mannschaft. „Es ist nicht nur das Kabel, das uns ausmacht, es ist dieses Team hier“, sagt er. „Das Paket stimmt, das macht uns so stark. Produzieren und verlegen – das kann sonst kaum einer.“

Jan-Uwe Borstel, der Kapitän, kann das nicht hören. Was er hört, ist diese innere Stimme: „Du muss raus, Junge. Aufs Meer.“ In vier Tagen wird sie wieder Ruhe geben. Und Bors-tel wird endlich wieder tun, was er am besten kann: „Kabel verlegen.“

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