Interview

„Die Stimmung ist gut“


Allensbach-Chefin Renate Köcher über einen Schulterschluss und die Folgen 

Allensbach. Das Jahr 2010 geht zu Ende – und da zieht jeder die eigene Bilanz. Aber wie sind wir Deutschen insgesamt drauf? Professorin Renate Köcher leitet die älteste Meinungsforschung des Landes, das 1947 gegründete Institut für Demoskopie Allensbach.

AKTIV: Mit welchen Erwar­tungen gehen die Deutschen ins Jahr 2011?

Köcher: Mit deutlich besseren als vor einem Jahr. Noch bis Mai, Juni war die Verunsicherung außerordentlich groß. Doch seitdem hat von Monat zu Monat die Überzeugung zugenommen: Dieser Aufschwung trägt. Die Mehrheit der Bevölkerung geht optimistisch ins neue Jahr.

AKTIV: Und das trotz der aktuellen Risiken für den Aufschwung, etwa der Schuldenprobleme vieler Euro-Länder?

Köcher: Die trüben das Vertrauen in den Euro – es ist wegen der Zahlungsschwierigkeiten Griechenlands im Frühjahr deutlich durchgesackt, nachdem es zuvor über Jahre stetig gestiegen war. Aber auf das generelle Zukunftsvertrauen wirkt das nur eingeschränkt. So wie generell die Schlagzeilen über ferne oder für die Bürger abstrakte Geschehnisse.

AKTIV: Die Leute gehen also innerlich nicht bei jeder Schreckensmeldung mit, die ihnen die Medien ständig servieren?

Köcher: Sie werden schon registriert. Aber die meisten Menschen stehen auf dem Standpunkt: „Das wirkt sich auf mich nicht direkt aus – und ich kann sowieso nichts daran machen.“ Also konzentrieren sie sich vor allem darauf, was sie in ihrem Nahbereich erleben und beobachten. Speziell die Lage am Arbeitsmarkt, die Einkommensentwicklung, die Sicherheit des eigenen Jobs. All das wird aktuell weit überwiegend positiv eingeschätzt.

AKTIV: Dann haben wir also die Krise mental überwunden?

Köcher: Mehr als das. Interessanterweise hat der schwerste Konjunktureinbruch der Nachkriegszeit einen positiven Trend überhaupt nicht unterbrochen: Immer mehr sehen sich als Wohlstandsgewinner, immer weniger als Wohlstandsverlierer. 2006 zogen 37 Prozent der Bürger die Bilanz, dass sich ihre wirtschaftliche Lage in den fünf zuvorliegenden Jahren verschlechtert habe, heute noch 26 Prozent. Umgekehrt hat sich der Anteil derjenigen, die sich als Gewinner sehen, von 19 auf 26 Prozent erhöht.

AKTIV: Na ja – auch das klingt ja noch nicht wirklich toll.

Köcher: Aber es ist für deutsche Verhältnisse ein beachtlicher Sprung. Anders als in vielen Schwellenländern hat eben ein großer Teil unserer Bevölkerung das Gefühl, ihr Land habe die besten Jahre hinter sich und es erfordere immer mehr Anstrengung, die Erfolge der Vergangenheit in die Zukunft zu verlängern.

AKTIV: Wir leben eben nicht mehr in der Aufbauzeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Köcher: In den 60er-Jahren erlebte die große Mehrheit der westdeutschen Bevölkerung eine kontinuierliche Verbesserung ihrer materiellen Lage. Damals bilanzierten fast 60 Prozent der Westdeutschen im Fünf-Jahres-Vergleich einen Wohlstandsgewinn. Trotzdem: Die Entwicklung seit 2006 ist durchaus beachtlich. Die Stimmung der Leute ist gut.

AKTIV: Immerhin haben viele Arbeitnehmer 2009 erlebt, wie großzügige Kurzarbeit-Regelungen und betriebliche Bündnisse die jüngste Rezession abfederten.

Köcher: Dieser Schulterschluss von Politik, Unter­neh­men und auch von Ge­werkschaf­ten – das war etwas be­merkenswert Neues. Dadurch lag der Anteil der Bevölkerung, der von der Krise gravierend persönlich be­troffen war, zu keinem Zeitpunkt über 8 Prozent. Die große Mehrheit hat die Krise nicht wirklich erlebt.

AKTIV: Und wird das honoriert? Werden die Deutschen etwa wirtschaftsfreundlicher?

Köcher: Nur 31 Prozent führen die Tatsache, dass die Krise von den meisten ferngehalten wurde, auch auf diesen Schulterschluss zurück. Ein enttäuschend niedriger Wert. Ich glaube, das liegt nicht zuletzt daran, dass Politik und Sozialpartner diesen gemeinsamen Erfolg selbst zu wenig thematisieren.

AKTIV: Wie entwickelt sich die Einstellung der Bevölkerung speziell zur Industrie?

Köcher: Ihre Bedeutung wurde jetzt noch mal richtig ins Bewusstsein gerückt – aber die eigentliche Veränderung registrierten wir 2004/2005, als die Arbeitslosigkeit die Fünf-Millionen-Marke erreichte und viel über die Verlagerung ins Ausland diskutiert wurde. Damals bildete sich die Meinung heraus: Unser Land hängt ganz wesentlich von einer starken Industrie ab.

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