Standpunkt

Die Sache mit der „Teilhabe“

Der Aufschwung nützt allen – wenn wir ihn nicht abwürgen

Die gerade erst erfundene Idee, dass alle „am Aufschwung teilhaben“ sollen, hat sich in deutschen Landen schnell in den Köpfen festgesetzt. Bislang wollten die Arbeitnehmer, gewerkschaftsgeleitet, „nur“ am Produktivitätszuwachs teilhaben. Genauer: Sie wollten und wollen ihn Jahr für Jahr schlucken. Dabei wird dieser Zuwachs, also das Mehr an Wertschöpfung je Arbeitnehmer, in der Regel von der Firma finanziert. Etwa, indem sie eine bessere Maschine in die Werkhalle stellt. 

Nun entsteht Wirtschaftswachstum nicht nur durch höhere Produktivität. Sondern auch durch Einsatz bislang ungenutzter Ressourcen. In Deutschland mit seiner jahrzehntelangen Massenarbeitslosigkeit heißt das vor allem: durch vermehrten Einsatz der menschlichen Arbeitskraft.

Die Wachstumsformel lautet also: a) mehr Produktion pro Beschäftigtem, b) mehr Beschäftigte. Der Aufschwung läuft, weil seit zwei Jahren nicht nur die Produktivität, sondern endlich auch die Beschäftigung zulegt.

„Am Aufschwung teilhaben“ wollen, heißt nun offenbar: nicht nur wie eh schon vom laufenden Ergiebigkeits-, sondern auch vom Jobzuwachs profitieren. Also von der Neuleistung anderer. Dieser doppelte Zugriff  ist noch abwegiger als der übliche Zugriff auf die Produktivität.

Ganz von selbst fließt Gewinn aus Beschäftigungszuwachs den Neuarbeitsplatz-Besitzern zu: Sie sind ja endlich wieder mit Lohnarbeit befasst (und belastet). Ein Teil fließt auch an die Unternehmen – sonst würden sie schließlich nicht einstellen. Doch es wird problematisch, wenn vom Wachstum aus Neubeschäftigung auch Dritte „direkt“ profitieren.

In Ordnung oder sogar geboten wäre „indirekt“: wenn der Staat durch den Aufschwung entlastet wird und die Steuern senken kann, oder wenn infolge von Arbeitsmarkt-Engpässen Löhne steigen.

Doch den Wohlstandszuwachs aus neuen Stellen gleichsam zum Allgemeingut zu machen, hemmt den weiteren Abbau der Arbeitslosigkeit: Es schmälert die Gewinn-Aussichten, und die zur Bedienung von Teilhabe-Ansprüchen abgezweigten Unternehmensmittel fließen jedenfalls nicht mehr ins Geschäft. 

Nach der „a mal b“-Formel haben weder Rentner noch (in der Regel) Altarbeitsplatzbesitzer zum Aufschwung beigetragen. Alle, für die das gilt (auch Kolumnenschreiber), sollten ihn einfach laufen lassen. Auf mittlere Sicht würden sie an der allgemeinen Geschäftsbelebung teilnehmen – ganz von selbst.


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