Hauptstadt-Report

Die Rückkehr zur Industrie

In der coolen Metropole Berlin gelten Fabriken wieder als hip. Und sogar der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit findet das gut so


Norbert Geyer ist happy. Zwei Busladungen Neugieriger spült an diesem lauen Mai-Abend die „Lange Nacht der Industrie“ auf das Gelände seiner Geyer-Gruppe im Südwesten Berlins.

Schüler, Studenten und auch ein paar ältere Semester wollen wissen, was genau denn hier passiert. Der Unternehmer Geyer ist in seinem Element. Er erzählt, dass seine auf Blechbearbeitung und Gehäusetechnik spezialisierte Firma die Kommandobrücken für Aida-Kreuzfahrtschiffe baut. Die neuen Ladestationen für Elektro-Bikes im Altmühltal kommen auch von hier. Es läuft gut für Geyer und seine 350 Leute.

Lange Zeit hieß es: arm, aber sexy


Und es interessiert endlich auch wieder die ach so coole Hauptstadt. „Man galt als blöd, wenn man in Berlin produziert und nichts mit Event oder Dienstleistung macht“, sagt Geyer. „Aber neuerdings stehen wir als Industrie im Fokus – sogar die Politik ruft nach uns.“

Und das in Berlin! Überall in Deutschland hat die Realwirtschaft, nach dem Schock der Bankenkrise 2008/2009, neue Anhänger – aber auf Berlin muss man erst mal kommen. Erklärte doch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) die ökonomische Schwäche lange Zeit zur Tugend! Berlin sei „arm, aber sexy“, formulierte er 2003.

Zwar gibt es hier auch Industrie-Firmen mit mehreren Tausend Mitarbeitern – wie Siemens, Daimler oder Bayer HealthCare. Doch die Botschaft lautete lange: Zur Boomtown werden wir als Service-Metropole. Im Schlepptau des Regierungsumzuges sollten Medienagenturen, Musiklabels, Consultants, massenhaft Kreative und IT-Experten die nötige Dynamik entfachen.

Das Märchen war zu schön, um wahr zu werden. Schon um 2005 belegten Regionalstudien, dass die Größe des Berliner Dienstleistungs- mit der des Industriesektors zusammenhängt. Solo kann sich da schwerlich was entwickeln. Inzwischen hat „Wowi“ die Kehrtwende eingeleitet. Die Rückgewinnung einer industriellen Basis ist seit ein, zwei Jahren sein ernsthaftes Projekt. „Die Industrie bringt Berlin Wachstum und Arbeit“, sagt er.

Mit der Großen Koalition seit Ende 2011 zieht das Tempo offenbar noch an. Wowereit legte in seiner Regierungserklärung schon im vierten Satz das Bekenntnis ab, dass die neue Mannschaft „für eine starke Wirtschaft“ stehe.

Nachdem die Wende 1989 und das Auslaufen der Berlin-Förderung 1993 die Industrie einbrechen ließ, geht es inzwischen sanft aufwärts. 2011 wurden 350 Industrie-Firmen mehr an- als abgemeldet.

Seit 2010 gab es 3.000 zusätzliche Arbeitsplätze; insgesamt sind es aktuell 106.000. Der neue Airport bringt, trotz der peinlichen Start-Verschiebung, weitere Schubkraft. Hilfreich ist auch die Bundesregierung: Sie wählte Berlin als eine von vier „Schaufenster-Regionen“ für Elektromobilität aus – die einzige ohne Hauptsitz eines Auto-Herstellers. Als Anerkennung für das gute Zusammenspiel von großen und kleinen Playern aus Wirtschaft und Wissenschaft.

„Die Politik hat hier die Weiterentwicklung der Industrie lange verschlafen“, sagt Professor Martin Gornig vom Berliner Wirtschaftsforschungsinstitut DIW. „Aber jetzt sitzt sie auf dem richtigen Pferd – und hat die richtige Richtung.“

Mit dem „Masterplan Industrie“ haben sich Politik, Arbeitgeber, Gewerkschaften und Verbände eine Art wirtschaftspolitisches Grundsatzprogramm gegeben und Dutzende konkrete Projekte hinterlegt – darunter auch die Lange Nacht der Industrie.

In zehn Jahren wieder Dax-Konzerne?


In der kulturell lebendigen Hauptstadt können Betriebe leicht Fachkräfte akquirieren – und so womöglich schneller wachsen als anderswo. Der Entsorgungsunternehmer und Präsident der Berliner Industrie- und Handelskammer Eric Schweitzer glaubt gar, dass Berliner Firmen „in fünf bis zehn Jahren“ zu den größten deutschen Börsenwerten heranwachsen könnten: „Einige werden sich so kräftig entwickeln, dass wir wieder Dax-Konzerne haben werden.“

Die BAE Batterien GmbH im Stadtteil Oberschöneweide ist davon noch weit entfernt – das sieht auch ihr quirliger Chef Jan IJspeert so. Der Niederländer kam 2005 als Investor, als die Firma vor der Pleite stand. Es war harte Arbeit, die Produktpalette zukunftsfähig zu machen.

Heute liefert er zu 80 Prozent ins Ausland, hat Topkunden in den USA und Australien – und betreibt Batterieforschung mit Wissenschaftsbetrieben, etwa zur Verknüpfung mit Nanotechnik. Der 170-Mann-Betrieb will „in den nächsten fünf Jahren 30, 40 Stellen schaffen“.

Gut zu hören: Industrie geht inzwischen auch in Berlin.

Neugier auch in der Bevölkerung

 


Berliner Betriebe öffnen ihre Tore, und 1.400 Berliner wollen hin! Schon Tage im Voraus waren bei der ersten „Langen Nacht der Industrie“ am 9. Mai die Bustouren ausgebucht.

30 Unternehmen machten mit. „Die Industrie ist ein Wachstumstreiber für Berlin“, sagte Wirtschaftssenatorin Sybille von Obernitz beim Startschuss.


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