Interview mit dem bayerischem Arbeitgeber-Präsidenten Alfred Gaffal

„Die Politik muss alles unterlassen, was die Arbeitskosten steigert“

Alfred Gaffal: „Die ersten Weichenstellungen zeigen in die falsche Richtung.“ Foto: Hofmann

Herr Gaffal, vor einem Jahr haben Sie das Amt des Präsidenten der bayerischen M+E-Arbeitgeberverbände übernommen. Was war Ihre Motivation, und was sehen Sie als Ihre Hauptaufgabe?

Nachdem ich bereits seit Jahren ehrenamtlich bei den Arbeitgeberverbänden tätig war, ist die Berufung für mich eine besondere Ehre, aber auch eine große Herausforderung. Vorgefunden habe ich eine engagierte Organisation, die von meinem Vorgänger Randolf Rodenstock und Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt gut aufgestellt wurde. So können wir die Positionen der bayerischen Wirtschaft auf allen Politikfeldern nach außen mit Nachdruck vertreten.

Mein oberstes Ziel ist, mitzuhelfen, die internationale Wettbewerbsfähigkeit und damit das hohe Beschäftigungsniveau in Bayern zu sichern. Dazu brauchen wir gute Rahmenbedingungen. Hier ist die Politik gefragt.

Wie sehen Sie die ersten Weichenstellungen der Bundesregierung?

Sie zeigen in die falsche Richtung. Der Beschluss, Mindestlöhne einzuführen, ist etwa für Ungelernte und Langzeitarbeitslose eine große Einstiegshürde. Man sollte sie für mindestens sechs Monate nach Aufnahme einer Beschäftigung vom gesetzlichen Mindestlohn ausnehmen. Falsch ist auch die Rente mit 63: Es droht ein teurer und arbeitsmarktpolitisch kontraproduktiver Anstieg von Frühverrentungen.

Für die Energiewende fehlt nach wie vor ein Gesamtkonzept, das zentrale und dezentrale Erzeugung aus erneuerbaren und fossilen Energieträgern, Speicher, Netzausbau und Energieeffizienz intelligent verknüpft.

Worauf kommt es jetzt bei der Energiewende vor allem an?

Wir müssen runter von den hohen Strompreisen. Notwendig sind ein sofortiges Einfrieren und mittelfristig eine Absenkung auf das Niveau vergleichbarer Industriestaaten. Wir setzen uns für eine Deckelung der Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) auf 5 Cent pro Kilowattstunde ein.

Die darüber hinausgehenden Kosten sollten durch die Reduzierung oder Streichung der Stromsteuer ausgeglichen werden. Zudem darf es keine Eingriffe in die Regelungen für energie­intensive Betriebe geben und auch keine EEG-Umlage für die Erzeugung von Eigenstrom.

Steigen die Stromkosten weiter, werden sich Bayerns Metall- und Elektro-Betriebe verstärkt nach anderen Produktionsstandorten umsehen müssen.

Und wie ist es um die Versorgungssicherheit bestellt?

Sie ist in Bayern heute hoch – aber Ende 2015, nach der Abschaltung des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld, nachhaltig gefährdet. Wir brauchen deshalb einen schnellen und bedarfsgerechten Ausbau der Stromnetze – Priorität hat aus bayerischer Sicht die Thüringer Strombrücke. Zudem brauchen wir ein neues Gaskraftwerk im Freistaat.

Wo gibt es Einsparmöglichkeiten?

Unsere Betriebe haben in den letzten Jahren sehr viel getan, um Energie effizienter zu nutzen. Die Strommenge, die nötig ist, um eine Produktionseinheit zu erzeugen, sank von 2009 bis 2012 um über 20 Prozent! Was noch drin ist, hängt von der Fertigungstiefe ab, von einzelnen Prozessschritten, aber auch vom Investitionszyklus und den bereits erzielten Erfolgen.

Wir müssen uns jetzt auf die gewaltigen Potenziale bei Gebäuden konzentrieren: Sie verbrauchen über 40 Prozent der Primärenergie – und davon 85 Prozent für Heizung und Warmwasser.

Wie können diese Potenziale gehoben werden?

Vor allem durch energetische Sanierung, etwa Austausch von Heiz- und Klimatechnikanlagen oder Gebäudedämmung. Die steuerliche Abschreibung solcher Maßnahmen über zehn Jahre ist hier das wirksamste Anreizsystem. Aber das wurde kurz vor der Unterzeichnung aus dem Koalitionsvertrag gestrichen. Dabei ist die massive Reduzierung des Verbrauchs zum Gelingen der Energiewende fest einkalkuliert. Wir hoffen, da findet noch ein Umdenken statt.

Auf welchen Feldern muss die Politik außerdem handeln?

Bei Verkehrsinfrastruktur und Breitbandversorgung. Im Straßen- und Schienennetz gibt es viele akute Engpässe und Mängel, die behoben werden müssen. Wir brauchen ein leistungsfähiges Gesamtsystem, in dem sich alle Verkehrsträger sinnvoll ergänzen. Zudem brauchen die Betriebe ein hochleistungsfähiges Breitbandnetz: Die Digitalisierung durchdringt inzwischen alle industriellen Wertschöpfungsketten. Um die Wachstumschancen nutzen zu können, müssen bis 2020 in ganz Bayern 100 Megabit pro Sekunde verfügbar sein.

Und wie sehen Sie die Entwicklung der industriellen Arbeitskosten?

Mit 39 Euro pro Stunde gehört Deutschland weltweit zur Spitzengruppe. Österreich liegt bei 33, Italien bei 27 und Spanien bei 23 Euro. In Tschechien sind es 10 und in Bulgarien 3 Euro. Seit 2007 stiegen unsere Lohnstückkosten in der Industrie im Schnitt um fast 10 Prozent, bei unseren Wettbewerbern um 7 Prozent – wir verlieren also an Wettbewerbsfähigkeit. Die Politik muss alles unterlassen, was die Arbeitskosten steigert.

Was heißt das konkret?

Mindestlöhne sind das falsche Mittel. Ebenso wie der Plan, die Zusatzkosten des Rentenpakets überwiegend den Beitragszahlern aufzubürden – also Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Das wird die Lohnzusatzkosten mittelfristig über die 40-Prozent-Marke steigen lassen. Das müssen wir verhindern.


Zur Person

Foto: Hofmann
Foto: Hofmann

Ein M+E-Mann von der Pike auf

  • Alfred Gaffal (66) startete 1973 als Vertriebsleiter beim Mainburger Heizungstechnik-Unternehmen Wolf GmbH (1.400 Mitarbeiter) und arbeitete sich bis zum Vorsitzenden der Geschäftsführung hoch.
  • Seit 2011 leitet er dort den Aufsichtsrat. Seit 2013 spricht er zudem als Präsident der Arbeitgeberverbände bayme und vbm für Bayerns Metall- und Elektroindustrie (M+E) mit 780.000 Mitarbeitern.

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Schlagwörter: Wettbewerb Politik

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