Soziale Kälte

Die Polemik gegen wenig produktive Jobs ist naiv – oder zynisch

Herausgeber Ulrich Brodersen

Mehr Menschen als früher, absolut und auch in Prozent, beziehen „Niedriglohn“. Ist das Ausdruck wachsender sozialer Ungleichheit, sozialer Kälte und tunlichst zu korrigieren, etwa mittels gesetzlichen Mindestlohns? Wer das ohne Wenn und Aber bejaht, blendet einiges aus, was zur Bewertung dieser Entwicklung von großer Bedeutung wäre.

Erhellend ist eine Analyse auf der Basis des Sozio-oekonomischen Panels, einer exzellenten Repräsentativ-Erhebung mit 20 000 Befragten. Verglichen wurden die Jahre 1994 und 2009. Beim ersten selektiven Blick können die Niedriglohn-Kritiker noch Honig saugen: Der Anteil der Geringverdiener (mit weniger als zwei Drittel des mittleren Lohns) an der Bevölkerung im erwerbstätigen Alter stieg von 9 auf 14 Prozent.

Wie soll man auch auf die Idee kommen, dass der Anteil der Normal- und Gutverdiener nicht entsprechend absackte, sondern ebenfalls zulegte – von 46 auf 48 Prozent? Wo um alles in der Welt sollen diese Zuwächse denn abgeknappst worden sein?

Die Antwort lautet: bei den Garnichtverdienern! Der Anteil der nicht Erwerbstätigen sank von 12 auf 8 Prozent (der Hausfrauenanteil halbierte sich sogar), und der Anteil der Frührentner sank von 8 auf 5 Prozent. Dass es durchaus einen prägnanten Unterschied macht, ob sich der Niedriglöhner-Zuwachs aus dem Normalverdiener- oder dem Nichterwerbstätigen-Sektor speist, wird wohl jeder halbwegs Unbefangene einräumen.

Und wo bleiben in dieser Statistik die Arbeitslosen? In beiden Vergleichsjahren bei 8 Prozent. Nach zwischenzeitlich kräftigem Anstieg war die Arbeitslosigkeit, gemessen am Bevölkerungsanteil, bis 2009 wieder auf dem Stand von Mitte der 90er-Jahre gesunken. Viele mussten, um wieder in Lohn und Brot zu kommen, erst mal kleine Brötchen backen. Aber immerhin: Binnen zehn Jahren sank die Zahl der gering qualifizierten Arbeitslosen um 200.000; die Zahl der Langzeitarbeitslosen fiel um 400.000. Angesichts dieser Fakten kann man eigentlich nur aus zwei seltsamen Perspektiven den Niedriglohnsektor eindämmen wollen: Entweder träumt man von eher weltfremden Löhnen auch für Leute, die schwer in den Arbeitsmarkt zu integrieren sind, oder man erklärt Arbeitslosigkeit zum geringeren Übel.

Den Vertretern der zweiten Fraktion sei ins Stammbuch geschrieben, dass 16 Prozent der Geringverdiener, aber 56 Prozent der Arbeitslosen in nach gängiger Definition „armen“ Haushalten leben. Egal? Da zeigt sich doch mal ganz konkret, was soziale Kälte ist. 


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