Finanzkrise

„Die Pleite kann man nicht riskieren“


Warum 100 Milliarden Euro Steuergeld im Feuer stehen – für eine einzige Bank

München. Die Regierung kämpft gegen die Krise: Das neue Konjunkturpaket ist 50 Mil­liarden Eu­ro schwer – da­mit ist es das größte in der Ge­schich­te der Bun­desre­publik. Zu­gleich aber nimmt der Staat doppelt so viel Geld in die Hand, 102 Milliarden Euro, für eine einzige Bank. Muss das sein?

Darüber sprachen wir mit Professor Wolfgang Gerke, einem der besten Kenner unseres Finanzwesens.

AKTIV: Die Hypo Real Estate, kurz HRE, wäre ohne Hilfe schon längst pleite. Wenn eine Bank schlingert – ist das nicht zunächst Sache der Banken?

Gerke: Wenn  die Banken es könnten, sollte man sie machen lassen. Aber sie haben sich übernommen – und angesichts der Schlüsselfunktion dieser Branche muss leider der Staat in die Bresche springen.

AKTIV: Warum? Brauchen wir diese eine Bank unbedingt?

Gerke: Nein. Und nach der reinen Lehre der Ordnungspolitik wäre eine Pleite begrüßenswert. Aber die Folgeschäden fürs Finanzsystem wären so immens, dass man das nicht riskieren kann: Es käme etwa zu Turbulenzen am Geldmarkt, an dem sich Banken kurzfristig Geld leihen, was eine Ketten-reaktion auslösen könnte. Da bleibt keine andere Wahl, als die HRE zu retten – und sie gesund zu schrumpfen.

AKTIV: Die Hilfen und Garantien für die HRE summierten sich Mitte Februar auf 102 Milliarden Euro. Ist das ganze Geld futsch?

Gerke: Da kann man als Außenstehender nur spekulieren. Ein Teil ist als Bürgschaft gewährt – es besteht die Hoffnung, dass ein Großteil nicht abgeschrieben werden muss.

AKTIV: Profitiert der kleine Steuerzahler wenigstens indirekt von der teuren staatlichen Stütze?

Gerke: Ja, zum Beispiel was die Rendite seiner Lebensversicherung betrifft. Eine HRE-Pleite hätte hohe Verluste bei den Versicherungen zur Folge, die große Summen in Papieren der Bank angelegt haben.

AKTIV: Was hat die HRE denn in den Ruin getrieben?

Gerke: Die Tochter Depfa mit Sitz in Dublin. Die betreibt eigentlich ein seriöses Geschäft mit Staatsfinanzierungen, hat aber in Irland die vorsichtige deutsche Tradition verlassen. Sie hat langfristige Kredite gegeben – sich aber das Geld dafür selbst nur kurzfristig gepumpt: Unverantwortliches Zocker-Geschäft, das schon in anderen Fällen nicht aufgegangen ist. Der Vorstand hat versagt.

AKTIV: Was hat die Depfa, ehemals ja „Deutsche Pfandbriefanstalt“, nach Dublin getrieben?

Gerke: Damit wollte man eventuell nur die deutsche Aufsicht unterlaufen – was dann faktisch geschehen ist.

AKTIV: Was ist zu tun?

Gerke: Die Aufsicht muss neu gestaltet werden, und sie muss international besser zusammenarbeiten. Auch darf es nicht mehr sein, dass man mit so wenig Eigenkapital so hohe Risiken eingehen kann.

AKTIV: Droht der ganze Schlamassel den deutschen Pfandbrief an sich zu beschädigen?

Gerke: Der Pfandbrief ist traditionell eine sehr sichere Geldanlage.  Es wäre fatal, wenn er durch den HRE-Skandal in Mitleidenschaft gezogen würde.

Chronik: Die Staatshilfen

  • Ende September 2008 wird bekannt, dass der HRE die Pleite droht. Sofort bündeln Bund, Bundesbank und Banken insgesamt 35 Milliarden Euro Notkredite.
  • Tage später wird die Summe auf 50 Milliarden aufgestockt.
  • Bis Weihnachten stellt zudem der neue staatliche „Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung“ Bürgschaften für HRE-Papiere bereit.  Volumen: 30 Milliarden Euro.
  • Seit Januar wird diese Garantie mehrfach erweitert. Stand Mitte Februar: 52 Milliarden Euro.

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