Umweltpolitik

Die Plastiktüte ─ besser als ihr Ruf

Doch die EU-Kommission will sie verbieten

Köln. Dieter Luchs ist Tütenfan. 25.000 hat er schon gesammelt, kleine, große, bunte Plastiktüten. „Sie haben so tolle Motive“, schwärmt der 71-Jährige aus Schloß Holte bei Bielefeld: „Und sie sind so praktisch.“ Millionen Deutsche finden das auch. Tag für Tag tragen sie darin ihre Einkäufe nach Hause.

Damit könnte demnächst Schluss sein. Denn nach der Glühbirne knöpft sich die EU-Kommission in Brüssel nun die Plastiktasche vor. Umweltkommissar Janez Potocnik würde sie am liebsten verbieten. Oder zumindest über eine Abgabe teurer machen. „Wir benutzen sie einige Minuten, danach belastet sie jahrzehntelang die Umwelt, weil sie sich so langsam zersetzt.“

Dabei ist die Tüte besser als ihr Ruf. „Sie erbringt mit wenig Material viel Transportleistung“, sagt Ulf Kelterborn, Hauptgeschäftsführer der Industrievereinigung Kunststoffverpackungen. Bei nur 20 Gramm Gewicht trägt sie satte 20 Kilogramm.

Kunden nutzen Tüte mehrfach

Im Öko-Vergleich hat die Tüte deshalb klar die Nase vorn, besonders gegenüber der Baumwoll-Tasche. Wissenschaftler der Schweizer Materialprüfungsanstalt Empa haben es ausgerechnet – und dabei alle Umwelteffekte der Herstellung berücksichtigt wie etwa Energieverbrauch und Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln.

Ergebnis: „Erst wenn man eine Stofftasche mindestens 25-mal statt 25 Einmal-Tüten nutzt, schont man tatsächlich die Umwelt“, so Forscher Roland Hischier. Im Vergleich zur dünnen Obsttüte ist das sogar erst nach 130 Einsätzen der Fall. Auch die Papiertasche schneidet hier schlechter ab.

In den meisten Fällen aber dient der Plastikbeutel gar nicht als Einmal-Tüte. Weil der Kunde im Laden bis zu 30 Cent dafür zahlt, geht er sparsam damit um. Drei Viertel der Deutschen nutzen das gute Stück mehrmals.

Mit etwa 65 Tüten pro Kopf und Jahr liegt der Verbrauch deshalb hierzulande deutlich unter dem europäischen Durchschnitt, den die EU mit rund 500 Taschen angibt. Zudem werden in Deutschland 90 Prozent der Beutel gesammelt und recycelt.

Auch andernorts verursacht die Tasche nicht viel Müll. Forscher der Uni Basel ermittelten in fünf Schweizer Städten den Anteil der Plastiktüten am Gesamtmüll. Das Ergebnis: magere 5 Prozent.

Überschätzt wird oft auch ihr Rohstoff-Verbrauch. Nur 50 Milliliter Öl erfordert die Herstellung einer Tasche. „Die deutsche Tüten-Produktion schluckt nicht einmal ein Tausendstel unseres gesamten Erdölverbrauchs“, argumentiert Bernhard Sprockamp, Geschäftsführer des Industrieverbands Papier- und Folienverpackung.

Selbst das Umweltbundesamt steht einem Verbot der Plastiktüte skeptisch gegenüber. Die 1.800 Branchen-Beschäftigten werden es gern hören. Sammler Dieter Luchs sicher auch.


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