Hartz IV

Die Mär von den „Aufstockern"


Abfall-Entsorgung: Auch für diese Branche wird mittlerweile an einem Mindestlohn gebastelt. Foto: Caro

Eine neue Studie entkräftet das Haupt-Argument für Mindestlöhne

Nürnberg. Es klingt wie ein Auszug aus der Uno-Charta der Menschenrechte – und es ist das schlagkräftigste Argument all derjenigen, die sich für eine gesetzliche Untergrenze beim Lohn stark ma­chen: „Jeder sollte von seiner Hände Arbeit leben können.“

So formuliert es Mi­chael Sommer, der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Der DGB verweist auf ein „Schattenreich der Arbeit“:

1,3 Millionen Erwerbstätige, die „so wenig verdienen, dass sie zusätzlich Arbeitslosengeld II beziehen müssen“.

Die Zahl als solche ist unstrittig, sie stammt aus der Statistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg. Doch taugt sie wirklich als Beleg dafür, dass uns die Globalisierung sozusagen voll erwischt hat? Dass wir uns von morgens bis abends  abrackern und am Ende trotzdem beim Staat um Stütze betteln müssen?

Das zur BA gehörende Institut für Arbeitsmarkt- und Be­rufsforschung hat die 1,3 Millionen „Aufsto­cker“ jetzt un­ter die Lupe genommen – durch eine Repräsentativ-Umfrage in 13.000 Privathaushalten.

Die Forscher wollten wissen: Wie sind bei den vielen Menschen, die Job und Hartz IV kombinieren, eigentlich die konkreten Lebensumstände?

Ausgeblendet: Kinder, Bildung, Gesundheit

Das wichtigstes Ergebnis der Studie lautet: Nur 20 Prozent der Aufstocker arbeiten Vollzeit, also mindestens 35 Stunden pro Woche. 55 Prozent arbeiten sogar weniger als 15 Stunden. „Alles in allem zeigt sich, dass ein geringer Lohnsatz nur für ei­nen Teil der Aufstocker generell ein Hindernis beim Verlassen der Bedürftigkeit darstellt.“

  • Oft scheitert ein Vollzeit-Job an der Kinderbetreuung. So sagten nur  3 Prozent der allein- erziehenden Mütter, die Hartz-IV-Behörde habe ihnen im Be­ra­tungsgespräch eine Be­treu­ungsmöglichkeit angeboten.
  • Paare mit Kindern sind meist deshalb Aufstocker, weil einer der Partner nicht einmal einen Teilzeit-Job findet. Doch hier lautet der Befund: „46 Prozent haben keine Ausbildung und jeder Fünfte keinen Schulabschluss.“ Zudem ist „die Selbsteinschätzung des Ge­sundheitszustands sehr ne­gativ“ – was die Forscher „vor al­lem angesichts des geringen Altersdurchschnitts von rund 35 Jahren“ bedenklich finden.
  • Von den Singles aus der Aufstocker-Statistik arbeiten be­­sonders wenige Vollzeit: nur
    jeder achte. Von den übrigen kümmern sich 37 Prozent „nicht aktiv um eine Ausweitung ihrer Beschäftigung“. Auch hier sei oft „eine schwerwiegende gesundheitliche Einschränkung“ das Problem.

In all diesen Fällen ist es kein  Alarmsignal, wenn der Sozialstaat einspringt – im Gegenteil. Das steht übrigens auch in der Uno-Charta der Menschenrechte. Die Löhne sollen „eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz“ sichern, heißt es dort, und weiter: „Ge­gebenenfalls er­gänzt durch andere soziale Schutzmaßnahmen.“

Artikelfunktionen


'' Zum Anfang