Interview mit Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger

„Die Konkurrenz wird immer besser – wir müssen auf den Weltmarkt sehr viel flexibler reagieren“

„Mehr Öffnungsklauseln“: Rainer Dulger möchte das Tarifwerk noch flexibler machen. Foto: Sandro

Heidelberg. Was globaler Wettbewerb bedeutet, weiß Rainer Dulger genau: Das Unternehmen seiner Familie ist ein „Hidden Champion“ – einer jener heimlichen Weltmarktführer, die sich immer neu behaupten müssen. Das Thema beschäftigt Dulger auch noch, wenn andere Feierabend machen: Er ist Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall. Zum Auftakt des neuen Jahrs sprach Dulger mit AKTIV darüber, was sich ändern sollte – und warum.

Wo steht unser größter Industriezweig zum Jahreswechsel 2014?

Mit inzwischen über 3,7 Millionen Beschäftigten tragen wir maßgeblich zum nationalen Wohlstand bei. Damit das so bleibt, müssen wir in erster Linie unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit erhalten. Zwei Drittel der Produktion gehen in den Export, auch ein Großteil der Mittelständler hat einen deutlichen Exportanteil. Aber wir haben in Deutschland ein so hohes Niveau erreicht, dass die eigentliche Frage lautet: Können wir das in Zukunft noch halten?

Konkret meinen Sie damit?

Die Konkurrenten etwa in Asien, aber auch in Europa werden jeden Tag besser! Und die Wachstumspolitik der Firmen richtet sich mehr und mehr ins Ausland: Wir müssen mit unseren Werken dorthin, wo der Mehrbedarf entsteht. Wir können mit deutschen Arbeitskosten in China nicht wettbewerbsfähig sein – wohl aber mit deutschen Produkten.

Was sind denn aus Ihrer Sicht die Pfeiler der Wettbewerbsfähigkeit?

Wir müssen die besten und innovativsten Produkte bieten, dafür benötigen wir hoch qualifizierte, leistungsbereite Mitarbeiter. Wir müssen die Produktivität ständig erhöhen, als Gegengewicht zu den hohen Arbeitskosten. Auch ein flexibler Arbeitsmarkt ist wichtig. Und eine funktionierende Sozialpartnerschaft.

Wobei Sie nur mit einer Gewerkschaft verhandeln wollen.

Zumindest muss sichergestellt sein, dass Berufs- und Spartengewerkschaften den Flächentarif nicht kaputt machen können. Aber so wie es aussieht, ist das gelöst – die Regierung will die vom Bundesarbeitsgericht infrage gestellte Tarifeinheit ja wiederherstellen.

Und was sollten die Tarifpartner konkret tun?

Den Weg frei machen dafür, dass Betriebe ihre Produktivität noch besser steigern können. Zum Beispiel durch mehr Öffnungsklauseln in den Tarifverträgen – weil jedes Unternehmen anders funktioniert.

Schon länger wird ja diskutiert, ob sich einfache Arbeit auf die Dauer überhaupt noch am Standort D halten lässt. Wie hoch sind denn bei Ihnen die Einstiegslöhne?

In Stufe I zahlen wir fast 2.100 Euro brutto für die 35-Stunden-Woche – und diese Stufe ist in der Praxis meistens nicht besetzt, die realistische Untergrenze liegt darüber. Eine Diskussion um die unteren Entgeltgruppen bringt uns aber nicht weiter, wenn es um einfache Tätigkeiten geht. Ich kann mir da eher einen eigenen Metall-Tarifvertrag für Dienstleistungen vorstellen.

Zumal ja schnell noch Zuschläge kommen. Da wollen Sie auch ansetzen?

Ja. In unserer Branche werden Schichtzuschläge teilweise schon nach der Mittagspause fällig – das ist heutzutage einfach nicht mehr zeitgemäß. Wenn ich zum Beispiel einen gut bezahlten Fachmann in der Exportabteilung sitzen habe, der sich von 14 bis 22 Uhr um die Kunden in den USA kümmert: Das ist seine ganz normale Arbeit, wieso sollte es dafür Zuschläge geben? Wertschöpfung in Deutschland ist keine Selbstverständlichkeit mehr, wir müssen auf den Weltmarkt sehr viel flexibler reagieren können.

Für altgediente Kräfte mit 45 Beitragsjahren soll jetzt eine Rente mit 63 kommen. Was halten Sie davon?

Das ist ein völlig falsches Signal! Wir werden alle immer älter – und die erwerbstätige Bevölkerung wird kleiner: Wir müssen also alle länger arbeiten. Aus diesem Grund sind auch tarifliche Altersprivilegien nicht mehr zeitgemäß. Heute ist man zum Glück mit 55 noch kein altes Eisen, also muss man auch nicht so behandelt werden! Da muss sich in der Wahrnehmung etwas ändern.


Zur Person

Foto: Sandro
Foto: Sandro

Unternehmer im Ehrenamt

  • Gemeinsam mit seinem Bruder führt Rainer Dulger (49) das weltweit aktive Familienunternehmen ProMinent. Stammsitz der Firmengruppe für Dosierung und Wasseraufbereitung ist Heidelberg, dort arbeiten 600 der rund 2.300 Beschäftigten.
  • Dulger hat in Kaiserslautern studiert und dort – berufsbegleitend – seinen Doktor der Ingenieurwissenschaften gemacht. Er ist verheiratet und zweifacher Vater.
  • Ehrenamtlich hat sich der Unternehmer ohne Parteibuch lange im Arbeitgeberverband Südwestmetall engagiert, zuletzt als Vorsitzender. 2012 wurde er Präsident des Dachverbands Gesamtmetall.

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