Experten-Interview

„Die Kautschuk-Branche muss sich breiter aufstellen“


Hannover. Wie können sich unsere Betriebe noch besser gegen die Marktschwankungen wappnen – und so Umsatz und Arbeitsplätze sichern? AKTIV sprach mit Professor Ulrich Giese, dem geschäftsführenden Vorstand des Deutschen Instituts für Kautschuktechnologie in Hannover.

Wenn die Auto-Industrie Schnupfen hat, kriegt die Kautschuk-Industrie eine Grippe. Ist diese Abhängigkeit in Stein gemeißelt?
Die Pkw- und Nutzfahrzeug-Industrie ist der mit Abstand größte Abnehmer für Kautschuk-Produkte. Automobile Krisen erfassen auch einen großen Teil von Kautschuk. Deshalb müssen wir uns breiter aufstellen: Die Unternehmen sind gut beraten, auf Innovationen zu setzen und auch Nischenprodukte wiederzubeleben.

Das heißt konkret?
Die Firmen sollten auf Produkte mit hoher Wertschöpfung ausweichen, auf die sie sich bisher nicht oder nur am Rande konzentriert haben. Zum Beispiel Dichtungssysteme für die Wasserwirtschaft oder die Lebensmittel-Industrie. Ich denke auch an Produkte für den Landmaschinenbau oder die Medizintechnik.

Können denn alle Firmen unserer Branche so einfach neue Produkte „erfinden“?
Nein, dazu sind sie zu unterschiedlich strukturiert. Während die großen Konzerne eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilungen gegründet haben, müssen sich kleine und mittlere Unternehmen sehr strecken und verfügen nicht über die finanziellen Mittel.

Wo liegen erfolgversprechende neue Anwendungen?
Die großen Reifen-Produzenten arbeiten mit Hochdruck daran, ihre Produkte leichter und langlebiger zu machen. Es geht darum, die Material-Eigenschaften zu verbessern, verstärkt nachwachsende Rohstoffe einzusetzen, den Ausstoß des Klimagases CO2 zu reduzieren. Und es müssen neue Füllstoffe als Ergänzung für Ruß entwickelt werden, die die Festigkeit und den Abriebwiderstand erhöhen und den Rollwiderstand weiter verringern. Da gibt es schon Erfolge.

Und was lässt sich bei den betrieblichen Abläufen noch verbessern?
Weiterhin sind alle Unternehmen gefordert, ihre Produktion noch besser zu machen: Gerade das Mischen ist immer noch äußerst energie- und kostenintensiv.

Das Deutsche Institut für Kautschuktechnologie sieht sich ja als eines der weltweit führenden Forschungs- und Entwicklungszentren dieser Branche. In welcher Form arbeitet es mit den Unternehmen zusammen?
Ein Beispiel ist das internationale Forschungsprojekt „Lorry“. Es beschäftigt sich mit der Entwicklung leichterer und langlebigerer Lkw-Reifen. Rohstoff-Hersteller, Verarbeiter, Reifen-Hersteller und Spediteure arbeiten gemeinsam mit uns in dem Projekt. Insgesamt arbeiten wir sehr anwendungsorientiert. Und beschäftigen uns viel mit der Entwicklung neuer Materialien.

Dazu zählen zum Beispiel?
Wir forschen etwa an der Anwendung von „Carbo Nano Tubes“, Schichtsilikaten und Füllstoffen auf Basis nachwachsender Rohstoffe. Diese Füllstoffe zeichnen sich durch spezielle geometrische Strukturen bei insgesamt äußerst kleinen Partikelgrößen im Nanometerbereich aus. Sie erreichen mit einem Zehntel des Füllgrades die gleichen Eigenschaften wie herkömmliche Füllstoffe.

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