Leitartikel

Die Ingenieurskunst der Politik

AKTIV-Chefredakteur Ulrich von Lampe

Herbe Kritik, erniedrigende Einschaltquote: So schlecht wie die TV-Show „Wetten, dass …?“ verkauft sich derzeit auch die Politik. Der Bundestagswahl in drei Monaten, am 22. September, dürften so viele Bürger wie noch nie fernbleiben, warnt die renommierte Bertelsmann-Stiftung in einer Studie. „Die Teilnahme am politischen Geschehen ist rückläufig“, vor allem „bei den unteren sozialen Schichten.“ Die Deutschen sehen zwar mehr Unterschiede zwischen den Parteien als früher, und sie sind im Prinzip zufriedener mit der Demokratie – doch Politik ist vielen trotzdem egal. 1998 gingen 82 Prozent zur Wahl, 2009 nur noch 71 Prozent, Tendenz weiter fallend.

Dabei konkurrieren unsere Politiker eigentlich gar nicht mit Showmaster Markus Lanz. Auch wenn sie im Rampenlicht stehen: Sie sind nicht zur Unterhaltung da. Eigentlich sind sie Ingenieure.

Ihr Job ist es, eine Balance zu schaffen zwischen Dynamik und Stabilität. Wenn wir über eine Autobahnbrücke fahren oder ins Flugzeug steigen, fragen wir uns auch nicht, ob deren Konstrukteure persönlich cool rüberkommen. Wichtig ist, dass die Konstruktion hält.

Die Rekordarbeitslosigkeit von 2005, der Finanzkollaps von 2008, die Atomkatastrophe von 2011 – unsere Politiker haben erhebliche Erschütterungen einigermaßen in den Griff bekommen. Und sich in ihrer Unzulänglichkeit gegenseitig korrigiert. Das ist die Stärke der Demokratie. Auch wenn die Öffentlichkeit das als Hickhack wahrnimmt.

Die Studie macht klar: Ob jemand wählen geht, hängt stark davon ab, ob in der Familie über Politik gesprochen wird. Es darf beim Abendbrot auch um andere Themen gehen als um „Wetten dass …?“.


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