Teure Energie

Die Gas-Guerillas


Von zweien, die auszogen, den Gas-Konzernen das Fürchten zu lehren

Bremen. Es war dieser eine Brief, der für ihn das Fass zum überlaufen brachte. Als Michael Großer an jenem Abend  nach Hause kam, ins Reihenhaus in Bremen-Kattenesch, lag der Brief schon da, auf dem Küchentisch vielleicht, so genau weiß er das heute nicht mehr. Jedenfalls: Im Umschlag steckte seine Gasrechnung. Großer riss den Umschlag auf und las.

Las noch mal.

Und nochmal.

Es änderte sich nichts: Zwar hatten die Großers viel weniger Gas verbraucht als im Jahr zuvor. Kein Wunder, dafür hatten sie ja extra die neue, sparsame Heizung eingebaut. Die Gasrechnung aber fiel trotzdem drastisch höher aus.

„Das geht so nicht weiter. Da muss was passieren“, dachte sich Großer. Das war vor drei Jahren. Und es war der Moment, in dem er beschloss, zum Rebellen zu werden.

Gaspreis hat sich verdoppelt

Da muss was passieren: So  dürfte man spätestens jetzt auch in vielen anderen der 17 Millionen deutschen Haushalte empfinden, die mit Erdgas beheizt werden. Denn: In den letzten zehn Jahren hat sich der Gaspreis für den Endverbraucher glatt verdoppelt! Und vielerorts wird das Gas jetzt sogar noch mal teurer.

Eine Spätfolge des hohen Ölpreises in den ersten Monaten des Jahres“, sagen die großen Gas-Konzerne wie Eon und RWE und verweisen auf  die Ölpreisbindung beim Gas. „Reine Abzocke, willkürliche Preisgestaltung auf Kosten der Kunden“, schäumen dagegen Verbraucherschützer wie Aribert Peters, Chef des Bundes der Energieverbraucher.

In Bremen jedenfalls wollte Michael Großer dem Spielchen nicht mehr länger tatenlos zuschauen. Gemeinsam mit einer Handvoll weiterer Rebellen hat er die „Bremer Energiehaus Genossenschaft“ gegründet. „Wir wollen die Gasversorgung selbst in die Hand nehmen, nicht mehr länger zusehen müssen, wie sich die Versorger an uns bereichern“, sagt Großer.

900 Genossen haben er und sein Mitstreiter Gert Schade in der Hansestadt bereits um sich geschart. Ihr Plan klingt einfach: „Gas günstig am Markt einkaufen und an die Genossen weiterleiten“, sagt Schade, pensionierter Bio-Lehrer.

Die beiden sitzen in Großers Reihenhaus am Esstisch, vorhin noch haben sie mal wieder mit ein paar Bankern verhandelt – ohne Geld kein Gas. „Eine halbe Million Euro Kredit brauchen wir vorab. Sieht ganz gut aus, dass wir die kriegen“, murmelt Großer.

Dass ein bewilligter Kredit aber noch lange keine Gaslieferung für die Genossen bedeutet, mussten die beiden grauhaarigen Gas-Guerillas bereits leidvoll erfahren. „Wir hatten ja einen Lieferanten aus Holland, der uns Gas verkaufen wollte, die Vorverträge waren doch längst fertig“, erzählt Schade.

Die Genossen frohlockten schon, dann aber hätten die deutschen Energiekonzerne die Muskeln spielen lassen: „Die haben einfach mal schnell einen Handelspunkt an der Grenze dichtgemacht und so die Lieferung verhindert“, faucht Gas-Guerilla Großer. Für die Bremer hieß das: Gehe zurück auf Los. „Die Monopolisten behindern uns, wo sie nur können“, behauptet Großer. Mal sei ein Gasspeicher nicht verfügbar, dann reiche eine Pipeline-Kapazität angeblich nicht aus. „Das ist wie bei einem Katz-und-Maus-Spiel, die wollen keine Konkurrenten auf den Markt lassen, auch so kleine Fische wie uns nicht.“

Versorger zahlen Geld zurück

Tatsächlich halten Branchenkenner wie Aribert Peters den Wettbewerb auf dem deutschen Gasmarkt noch für unterentwickelt. „Viele Verbraucher haben derzeit überhaupt keine echte Alternative zu ihrem Grundversorger.“

Doch genau da könnte sich jetzt endlich was bewegen. So nahmen die Wettbewerbshüter des Bundeskartellamts im Frühjahr Ermittlungen gegen 35 Gasversorger auf. Vorwurf: „Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung.“

Sechs Verfahren sind abgeschlossen, die betroffenen Versorger müssen ihren Kunden jetzt 55 Millionen Euro zurückerstatten. „Wir werden den Markt aufmerksam beobachten, gegebenenfalls neue Verfahren einleiten“, so ein Sprecher des Kartellamts zu AKTIV. Auch die Behinderung neuer Anbieter werde zukünftig streng geahndet. „Der Wettbewerb kommt jetzt langsam aber sicher in Gang.“

Auch in Bremen sieht man sich – mal wieder – kurz vor dem Ziel. Ein neuer Gaslieferant ist angeblich gefunden, man stehe quasi Gewehr bei Fuß, nur, na ja, nur der Kredit fehle eben noch, sagt Gert Schade gerade, als sein Handy mal wieder klingelt. Einer der Banker ist dran, jetzt noch, um kurz vor acht abends, es gehe um das doch so wichtige Darlehen. Für ein paar Minuten verlässt Schade den Raum, als er wiederkommt, nickt er dem Genossen Großer zu. Die beiden lächeln ...

Regler runter!

Berlin. Eine warme Wohnung – angesichts steigender Energiepreise mutet das schon fast wie Luxus an.

„Dabei können die Verbraucher einiges tun, um ihre Kosten zu senken“, sagt Thorsten Bohg vom Verbraucherportal Toptarif (www. toptarif.de).

Zum Beispiel den Anbieter wechseln. Um den günstigsten Versorger zu finden, braucht man auf der Toptarif-Homepage nur zwei Angaben: Die Postleitzahl und den jährlichen Verbrauch, der auf der letzten Rechnung steht. „Eine vierköpfige Familie kann dadurch bis zu 400 Euro pro Jahr einsparen“, sagt Bohg. Stehe derzeit noch kein anderer Anbieter zur Verfügung, könne man wenigstens  beim Grundversorger oft in einen etwas günstigeren Tarif wechseln.

Stoßlüften statt Kipp-Fenster

Darüber hinaus senken simple Tricks die Kosten. „Wer seine Raumtemperatur nur um ein Grad senkt, spart 6 Prozent Energie ein“, empfiehlt Bohg den Griff zum Regler. Weitere Tipps des Experten: „Stoßlüften statt gekippter Fenster, die Heizkörper nicht zustellen und regelmäßig entlüften.“

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