Strompreis in kritischer Höhe

Die Förderung der Erneuerbaren wird immer teurer – und setzt Betriebe unter Druck

München/Königsberg/Kitzingen. Die deutsche Energiewende ist ein teures Projekt. Und sie hinterlässt immer stärkere Spuren in den Stromrechnungen. Für viele Haushalte ist das seit Jahren ein Ärgernis. Für die Industrie wird es zunehmend zur Gefahr.

„Die Strompreise für Industriekunden sind seit 2008 deutlich gestiegen“, heißt es im „4. Monitoring der Energiewende“, einer aktuellen Studie des Schweizer Wirtschaftsinstituts Prognos im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw). Für einen Industriebetrieb in Deutschland mit einer jährlichen Abnahmemenge zwischen 20 und 70 Gigawattstunden bedeutete das 2014 konkret: plus 26 Prozent in sechs Jahren!

Das kann so nicht weitergehen, meint Alfred Gaffal, Präsident der vbw sowie der bayerischen Metall- und Elektro-Arbeitgeberverbände bayme und vbm. „Die deutschen Industrie-Strompreise haben eine kritische Höhe erreicht“, sagt er.

Wirtschaft fordert Strompreisbremse

Gaffals Forderung lautet deshalb, einen weiteren Anstieg unbedingt zu stoppen. Etwa über ein Absenken der Stromsteuer. Oder indem die Kosten der sogenannten EEG-Umlage durch einen Fonds gedeckelt und zeitlich gestreckt werden.

Diese Umlage, mit der in Deutschland der Ausbau der erneuerbaren Energien bezahlt wird, ist seit Jahren der große Preistreiber beim Strom. 2016 wird sie bei 6,35 Cent je Kilowattstunde liegen – mehr als fünfmal so hoch wie noch 2008. Das Produkt als solches, wie man es an der Strombörse handelt, wurde dagegen tendenziell günstiger. Die Firmen merken davon allerdings kaum etwas, weil die staatlich verursachten Umlagen, Abgaben und Steuern seit Jahren steigen. Inzwischen machen sie mehr als die Hälfte der Kosten aus.

Der Strompreis dürfte in Zukunft noch weiter nach oben klettern, vor allem aufgrund einer weiterhin steigenden EEG-Umlage. Aber auch der für die Versorgungssicherheit so wichtige Netzausbau und die Bereitstellung von konventionellen Reserve-Kraftwerken (siehe Text unten) werden einige Milliarden Euro kosten, die am Ende der Stromkunde bezahlen wird. Eine Strompreisbremse würde die Situation daher deutlich entspannen.

Bayerns Metall- und Elektroindustrie produziert zu 60 Prozent für das Ausland. Die Firmen stehen im harten internationalen Wettbewerb. Steigende Strompreise machen es ihnen deutlich schwerer, sich zu behaupten.

Mit den Energiekosten zu kämpfen hat etwa die Firma Fränkische Rohrwerke. Der Hersteller von Rohren, Schächten und Komponenten für den Bausektor und die Industrie beschäftigt im Stammwerk im unterfränkischen Königsberg rund 1.400 Mitarbeiter. Der Strompreis stieg dort seit 2012 um 18 Prozent.

„Diese Entwicklung ist für uns ein echter Wettbewerbsnachteil“, sagt Otto Kirchner, geschäftsführender Gesellschafter der Fränkischen Rohrwerke. Denn Energie ist für die Königsberger extrem wichtig. Die Ausgaben für Strom haben einen erheblichen Anteil an den Kosten. Für Kunststoffrohre etwa muss Granulat erhitzt werden, aus der verschmolzenen Masse werden Rohre geformt. Und die sollen dann schnell abkühlen – auch das frisst jede Menge Strom.

Die vergleichbar arbeitende internationale Konkurrenz kommt wesentlich günstiger weg. Nicht nur in den USA, wo Strom nur halb so teuer ist wie bei uns. Auch im EU-Vergleich liegt Deutschland laut Prognos-Studie schlecht da, hat von 28 Ländern die sechsthöchsten Stromkosten. Gegenüber Frankreich etwa sind sie um rund die Hälfte höher.

Und es kommen zusätzliche Kosten auf die Unternehmen zu. Haben sie nämlich Strom selbst produziert, waren sie bis zum vergangenen Jahr von der EEG-Umlage befreit. Bei neuen Anlagen ist die nun aber fällig. Und auch bei bestehenden droht ab 2018 aufgrund von EU-Vorgaben ein Ende der Befreiung.

Fast 1 Million Euro zusätzliche Kosten

Zudem werden nun zum Teil auch bisher von der EEG-Umlage befreite Firmen stärker an den Kosten der Energiewende beteiligt. „Für uns ist das ein großes Problem“, sagt Rainer Bosky, kaufmännischer Geschäftsführer der Firma Franken Guss. Die Gießerei beschäftigt in Kitzingen nahe Würzburg rund 600 Mitarbeiter und steht vor allem im innereuropäischen Wettbewerb. Die Stromkosten liegen bei mehr als 17 Prozent der Bruttowertschöpfung.

Der Firma mit einem Jahresumsatz von zuletzt 121 Millionen Euro drohen bald Zusatzkosten in Höhe von fast 1 Millionen Euro im Jahr. Bosky ist daher unsicherer denn je, wie die Zukunft der stromintensiven Industrie in Deutschland aussieht. „Man darf uns nicht mehr belasten als die internationalen Wettbewerber“, sagt er.


Was die Versorgung sichern wird

Bald vom Netz: Der Block B des Kernkraftwerks Gundremmingen wird spätestens im Jahr 2017 abgeschaltet, der Block C folgt dann 2021. Foto: dpa
Bald vom Netz: Der Block B des Kernkraftwerks Gundremmingen wird spätestens im Jahr 2017 abgeschaltet, der Block C folgt dann 2021. Foto: dpa

Reserve-Kraftwerke und neue Stromleitungen für Bayern sollen es richten

München. Der Fahrplan für den Atomausstieg in Bayern ist klar: 2017 soll Block B des Kernkraftwerks Gundremmingen nahe Günzburg vom Netz gehen. Spätestens 2021 folgt Block C, 2022 dann zuletzt Isar 2 bei Landshut.

Bayern wird daher schon kurzfristig verstärkt auf Stromlieferungen aus Nachbarregionen angewiesen sein, um seine Versorgung zu Höchstlastzeiten decken zu können. So steht es im „4. Monitoring der Energiewende“, der Studie des Schweizer Instituts Prognos im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft.

Ein Blackout gilt trotzdem als unwahrscheinlich – selbst wenn dann 2023 im Vergleich zu heute knapp 4 Gigawatt an gesicherter Leistung der Kernkraftwerke fehlen werden, rund 30 Prozent der bayerischen Höchstlast. Es „ist davon auszugehen, dass in Bayern die Stromversorgung auch weiterhin gesichert ist“, heißt es in der Prognos-Studie.

Ein Grund dafür sind Reservekraftwerke: So wird unter anderem die sogenannte Reservekraftwerksverordnung über 2017 hinaus gelten. Demnach müssen zur Abschaltung angemeldete konventionelle Kraftwerke im Zweifel am Netz bleiben.

Trassen sollen 2024 fertig sein

Außerdem ist vorgesehen, ab dem kommenden Winter schrittweise eine „Kapazitätsreserve“ außerhalb des Strommarkts zu bilden. Geprüft wird auch der Neubau von zwei Gaskraftwerken zur Sicherung der Netzstabilität in Süddeutschland.

Langfristig sollen auch neue Stromleitungen die Versorgung in Bayern sichern – indem sie vor allem erneuerbare Energien aus Nord- und Ostdeutschland transportieren. Die knapp 300 Kilometer lange „Thüringer Strombrücke“ ist bereits teilweise gebaut und soll 2016 fertig sein.

Die Planungen der zwei weiteren wichtigen Übertragungsleitungen „SuedLink“ und „Süd-Ost-Passage“ werden derzeit überarbeitet. Mit der jetzt beschlossenen vorrangigen Erdverkabelung sollen Anwohner-Interessen stärker berücksichtigt werden. Sie sollen bis 2024 in Betrieb gehen.

Interview

Almut Kirchner, Energie-Expertin der Basler Wirtschaftsforschungs- und Beraterfirma Prognos. Foto: Wahl
Almut Kirchner, Energie-Expertin der Basler Wirtschaftsforschungs- und Beraterfirma Prognos. Foto: Wahl

„Effizienz muss sich auch rechnen“

Was die Energiewende für Bayerns Betriebe bedeutet, erklärt Almut Kirchner, Energie-Expertin der Basler Wirtschaftsforschungs- und Beraterfirma Prognos.

Die Energiewende ist teuer, aber sie gefährdet nicht die Versorgungssicherheit. Ist das verkürzt, aber richtig?

Das stimmt so nicht ganz. Die eingeplanten Reservekapazitäten, vor allem aus dem Ausland, müssen in Zukunft erst mal verfügbar sein. Und die langfristig sehr wichtigen Übertragungsnetze sind in der Planung – jedoch noch nicht gebaut. Deshalb gilt: Der Rahmen stimmt grundsätzlich. Aber er muss noch ausgefüllt werden.

Strom wurde zuletzt immer teurer – vor allem aufgrund der immer höheren EEG-Umlage. Geht das so weiter?

In den nächsten fünf Jahren bestimmt. Weil Deutschland bislang noch hohe Förder-Altlasten schultert, wird die EEG-Umlage frühestens dann sinken. Danach wäre ein niedrigerer Strompreis zumindest wieder denkbar.

Welche Branchen und Firmen leiden besonders unter hohen Strompreisen?

Neben Teilen der Papier-, Chemie- und Lebensmittel-Industrie ist die Metall- und Elektroindustrie sehr stark betroffen – vor allem Betriebe aus der Metallverarbeitung, dem Fahrzeugbau und Teilen der Elektrotechnik. Besonders stark betroffen sind Unternehmen, die stromintensiv produzieren, aber nicht von der EEG-Umlage befreit sind.

Kann die Industrie die höheren Kosten mit mehr Effizienz ausgleichen?

Das hängt vom einzelnen Betrieb ab. Einige haben sehr viel investiert und benötigen heute deutlich weniger Strom für die gleiche Wertschöpfung. Das gilt allerdings nicht für alle Betriebe. Denn Investitionen in mehr Effizienz müssen sich immer auch rechnen.

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