Was die Pläne der Regierung für uns alle bedeuten

Die fiesen Folgen der Rente mit 63

Berlin/Köln. Die Bevölkerung schrumpft und altert, immer weniger Arbeitskräfte müssen immer mehr Rentner finanzieren. Nun will die Regierung diese Last ohne Not noch schwerer machen – mit der „Rente mit 63“.

Selten ist ein Gesetzentwurf so verdroschen worden, praktisch alle Experten halten die neue Frühverrentung für unsinnig. Die EU-Kommission warnt vor „negativen Auswirkungen auf die Tragfähigkeit der Staatsfinanzen“. Und der Paritätische Wohlfahrtsverband schimpft über eine „Sonderregelung allein für die Generation 50 plus, von der vor allem gut verdienende Männer profitieren“.

Die schwarz-rote Koalition lässt das kalt – die Rente mit 63 wird wohl eingeführt. AKTIV erklärt, was das für teils absurde Folgen haben wird.

Zunächst muss man wissen: Wer früher geht, bekommt auch künftig weniger Rente, er hat schließlich weniger Beitragsjahre. Öfter als bisher sollen aber die Rentenabschläge wegfallen. Die gleichen aus, dass Frührentner ihre Rente ja länger beziehen. Schon ab 1. Juli sollen Menschen mit 63 Lebens- und mindestens 45 Beitragsjahren (dazu gehören womöglich auch Wehrdienst und Kindererziehungszeiten) „abschlagsfrei“ gehen dürfen.

Geschenk bei der Rente – und Vorteil bei der Steuer

Aus ökonomischer Sicht ist klar: „Wer rechnen kann, macht das.“ So spitzt es Jochen Pimpertz zu, Experte fürs Thema am Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW).

Er zeigt das am Beispiel eines männlichen Arbeitnehmers, Einkommensschwankungen mal außen vor: „Wenn der mit 45 Beitragsjahren vorzeitig in Rente geht, hat er zwar 4 Prozent weniger monatliche Rente, eben wegen der fehlenden zwei Beitragsjahre. Aber er bezieht diese Rente statistisch gesehen 12 Prozent länger – nämlich 18,7 statt 16,7 Jahre lang.“

Unter dem Strich bleibt also ein satter Gewinn. Dazu kommt ein Steuervorteil. Denn die steuerliche Belastung der Neurentner steigt noch bis 2040 jedes Jahr an (mehr dazu: aktiv-online.de/rentenfreibetrag) – wer früher aufhört, zahlt also im Zweifel weniger Steuern.

Von denen, die in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen, dürfte jeder Vierte für die Rente mit 63 infrage kommen.

Plötzliche Änderung bringt Firmen in Not

Experte Pimpertz warnt: „Damit wird der Fachkräftemangel verschärft.“ Wenn plötzlich mehr erfahrene Kollegen abhanden kommen als geplant, „könnte das kleinere und mittlere Unternehmen in Not bringen“. Allein im größten Industriezweig Metall und Elektro könnten „innerhalb von zehn Jahren bis zu 200.000 Mitarbeiter vorzeitig aufhören“, so der Arbeitgeberverband Gesamtmetall.

Die Rente mit 63 belastet die Betriebe überdies finanziell. Eigentlich hätte der Beitragssatz Anfang 2014 deutlich sinken müssen. Aber die Regierung stoppte das, um mit dem aktuellen Polster in der Rentenkasse die neue Frührente und andere Reformen anzufinanzieren. Dass der Beitragssatz nicht gesunken ist, kostet die Firmen laut Rentenversicherung allein dieses Jahr rund 3 Milliarden Euro extra. Um die gleiche Summe verringert sich das Netto aller Arbeitnehmer – die seit Januar ja auch mehr Beitrag blechen, als sonst nötig gewesen wäre.

Auf Dauer wird es noch teurer. Dem Gesetzentwurf zufolge wird der Beitragssatz 2019 deutlich steigen, von jetzt 18,9 auf 19,7 Prozent – ohne das Reformpaket hätten 19,1 Prozent genügt.

Die Erhöhung der Renten wird auf Jahre hinaus geschmälert

Und wir zahlen nicht nur mehr: Fast alle bekommen künftig weniger raus! Das liegt an der Rentenformel, die für eine gerechte Verteilung der Belastung zwischen den Generationen sorgen soll.

Zum einen verändert die neue Frührente das zahlenmäßige Verhältnis von Rentnern und Beitragszahlern – was über den in der Rentenformel enthaltenen „Nachhaltigkeitsfaktor“ ab 2015 die Rentenerhöhungen schmälert. Zum anderen wirkt der „Beitragssatzfaktor“: Wenn die Arbeitnehmer stärker für die Renten belastet werden, wirkt sich auch das automatisch negativ für die Rentner aus.

Zu diesen grundsätzlichen Problemen kommen neue Ungerechtigkeiten. So beschenkt die Änderung vor allem die, die das nicht nötig haben: langjährige Facharbeiter, die in Sachen Rente sowieso überdurchschnittlich gut dastehen. Der Arbeitgeberdachverband BDA sieht darin eine „Umverteilung von unten nach oben“.

Der Jahrgang 1952 steht am besten da

Weil weibliche Arbeitnehmer bisher viel seltener 45 Beitragsjahre schaffen, begünstigt die Rente mit 63 vor allem Männer. Laut Arbeitsministerium sind nur „rund ein Viertel“ Frauen dabei.

Die „63“ gilt außerdem nicht für alle. Das liegt daran, dass die Regelaltersgrenze weiterhin angehoben wird – und man die neue Extra-Regelung mit der Rente mit 67 zusammenführt (Grafik). Am meisten unverdienten Gewinn fährt der Jahrgang 1952 ein: Er darf 30 Monate früher als normal abschlagsfrei gehen.

Und die jüngeren Kollegen? Denen macht die Debatte völlig falsche Hoffnungen. Rente mit 63 – davon sollten Azubis nicht mal träumen. Die alternde Gesellschaft und die steigende Lebenserwartung machen langfristig sogar eine noch längere Lebensarbeitszeit nötig.

So sagt etwa Professor Christoph Schmidt, Chef der „Wirtschaftsweisen“ im Sachverständigenrat der Regierung: „Das Renteneintrittsalter sollte ab 2029 weiter ansteigen.“

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