Standpunkt

Die Export-Nation am Pranger


Blick in eine ferne Zukunft: Die Kaufkraft der Auszahlung sinkt, wenn die Inflation steigt. Foto: Roth

Sind wir wirklich mitschuldig an der Not der Griechen?

An der Krise in Griechenland, die sich zum Härtetest für den Euro entwickelt, sei auch die deutsche Lohnpolitik schuld. Das hören wir von linken Wirtschaftsprofessoren und ausländischen Politikern. Weil der deutsche Arbeiter so wenig verdiene, sei Deutschland exportstark und einfuhrschwach – was in Griechenland und anderswo zu roten Handelsbilanzen und Wachstumsschwäche führe.

Abhilfe schaffen soll der Übeltäter selbst: durch mutwillige Verschlechterung seiner Wettbewerbsfähigkeit. Angesichts von 3,6 Millionen Arbeitslosen ist das ein unsittliches Ansinnen. Und: Der Vorwurf der Lohnzurückhaltung steht auf schwachen Füßen.

Von 1991 bis 2009 sind die Brutto-Stundenlöhne in Deutschland um 30 Prozent gestiegen – preisbereinigt, das heißt der Inflationsausgleich kommt noch obendrauf.

Verständlicherweise haben viele Lohnempfänger da eine andere Wahrnehmung. Denn der Zuwachs auf Jahresbasis war mit preisbereinigt 16 Prozent nur noch gut halb so hoch. Die Differenz hat mit Arbeitszeit-Verkürzungen und seit Herbst 2008 mit Kurzarbeit zu tun.

Zudem kam auch dieser Brutto-Zuwachs nicht komplett netto an. Grund ist wieder nicht so sehr Lohn-Zurückhaltung – sondern diesmal Lohn-Vorenthaltung von Staats wegen.

Bei den Kosten je Arbeitsstunde liegen weltweit nur drei Länder vor uns – Norwegen, Belgien und Schweden. Günstiger als bei der Konkurrenz haben sich aber seit 1995 die Lohnstückkosten entwickelt, also die Arbeitskosten je Produkteinheit. Damit wird der wirkliche deutsche Sonderweg klar: Auffangen hoher Lohnkosten durch ergiebigeres Arbeiten.

Sollen wir die Lohnstückkosten jetzt, zum Wohle der auf Kredit lebenden Südländer, extra heraufsetzen? Das klingt schon nicht mehr so toll wie die scheinkollegiale Forderung nach noch höheren Löhnen.

Unser Export-Überschuss ist also kein Grund zur Anklage. Aber Anlass zum Nachdenken ist er schon. Das einstige Wirtschaftswunderland schafft selbst seinen derzeitigen, ganz unzureichenden Beschäftigungsstand nur dadurch, dass es per saldo für andere mitarbeitet.

Im Prinzip muss ein Land mit seiner Ausfuhr jene Güter finanzieren, die daheim nicht oder nicht günstig zu beschaffen sind. Und es muss dafür notgedrungen einen Teil seiner Erwerbsbevölkerung abstellen. Wo aus dieser Not die Tugend der Job-Sicherung werden muss, da läuft was verkehrt.

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