Fluglotsen sollen umdenken

Die EU-Kommission will den Himmel über Europa neu ordnen


Frankfurt. „Herzlich willkommen an Bord!“ Wenn der Pilot Markus Wahl ins Mikro spricht, wendet er sich nicht nur an die Passagiere. Ständigen Kontakt aus dem Cockpit hält er mit den Leuten, die seinen Flug kontrollieren.

„Selbst bei einem so kurzen Flug wie von Frankfurt nach Paris rede ich bestimmt mit acht bis zehn Lotsen.“ Je nach Flughöhe und zurückgelegten Kilometern hat Wahl immer wieder neue Gesprächspartner. Die sitzen in unterschiedlichen Städten – Frankfurt, Maastricht, Reims, Paris – und jeder hat eine neue Informationen für ihn.

Ungehindert von einem europäischen Land ins nächste reisen: Was mit dem Auto problemlos funktioniert, ist auf den Luftstraßen ziemlich kompliziert. Denn der Luftraum gleicht einem Flickenteppich.

Ein Streik ist noch nicht vom Tisch

Aus 650 Sektoren besteht der Himmel über Europa. 28 nationale Flugsicherungsorganisationen überwachen ihn in 60 Kontrollzen­tren. Außerdem müssen die Maschinen um militärische Sperrgebiete herumkurven. „Fast immer bin ich zu Umwegen gezwungen. Das kostet Zeit, Geld und erhöht den CO2-Ausstoß“, erzählt der Pilot.

Auf jeder Strecke fliegt jedes Flugzeug im Durchschnitt 42 Kilometer zu viel, so die EU-Kommission. Kosten in Höhe von 5 Milliarden Euro pro Jahr ließen sich einsparen. Deshalb will Brüssel die Flugsicherung umbauen, den Luftraum neu ordnen und die Vielstaaterei am Himmel in ein einheitliches System überführen.

Doch dieser Plan bringt die Fluglotsen auf die Barrikaden. In Frankreich legten sie kürzlich bereits für einige Stunden die Arbeit nieder. Ein europaweiter Streik mit 14.000 Teilnehmern konnte vorerst abgewendet werden. Die europäische Fluglotsen-Vertretung ATCEUC und die EU-Kommission kehren zurück an den Verhandlungstisch.

Die Sorge der Lotsen: Das EU-Programm mit dem Namen SES (Single European Sky, auf Deutsch: Einheitlicher Europäischer Luftraum) könnte ihre Jobs und die Sicherheit im Flugverkehr gefährden.

100.000.000 Euro soll die Deutsche Flugsicherung bis zum Jahr 2019 sparen

Was die Leute im Tower denken, sagt Axel Raab von der Deutschen Flugsicherung (DFS): „Die EU will die europäischen Flugsicherungen zwingen, ihre Gebühren um 3,5 Prozent zu senken. Doch dann kommen wir nicht mehr über die Runden.“ Man könne ja nicht einfach ein Kontrollzentrum stilllegen. „Schließlich müssen wir die Infrastruktur bereithalten“, sagt Raab in der DFS-Zentrale in Langen bei Frankfurt.

Das bundeseigene Unternehmen ist für die Kontrollen im Luftraum mit dem höchsten Verkehrsaufkommen in Europa zuständig. Von den rund 6.100 Mitarbeitern sind 1.900 Fluglotsen, die jährlich rund drei Millionen Flüge in und über Deutschland überwachen.

Für diese Dienstleistungen müssen die Fluggesellschaften Gebühren bezahlen. Davon fließen schon jetzt immer weniger. „Bis 2019 müssen wir rund 100 Millionen Euro einsparen“, sagt Raab. Wie die anderen europäischen Flugsicherungen auch hat sich die DFS ein Kürzungsprogramm auferlegt. Viele freie Stellen werden nicht besetzt, Entlassungen sind nicht geplant.

Aber es soll kräftig abgespeckt werden. Denn die EU will einige Leistungen, die jetzt noch jedes Land einzeln bereitstellt, bei Eurocontrol in Brüssel bündeln. Dazu gehören unter anderem eine Flugplankoordination oder ein Dienst, der europaweit zeigt, welche militärischen Sperrgebiete zeitweise doch genutzt werden können, eine Zusammenführung von Wetterdaten oder die zentrale Vergabe von Funkfrequenzen. Eine weitere Reform, die von der EU vorangetrieben wird: die Trennung zwischen den Flugverkehr-Kontrolldiensten und den entsprechenden Aufsichtsbehörden. „In Deutschland ist das bereits getan“, so Raab. „Seit 2009 gibt es die Bundesaufsichtsbehörde für Flugsicherung.“

Und der zersplitterte Luftraum? Die europäischen Länder haben sich zu neun „Funktionalen Luftraumblöcken“, sogenannten FAB, zusammengeschlossen. Deutschland zum Beispiel teilt sich einen FAB mit der Schweiz, Frankreich, Belgien, Luxemburg und den Niederlanden.

Raab: „Innerhalb dieses Sektors können Piloten nachts und am Wochenende bereits kürzere Strecken fliegen, mit weniger Meldepunkten bei den Lotsen.“ In einem einheitlichen europäischen Luftraum soll das später auch tagsüber möglich sein. Dann könnte auch Pilot Markus Wahl seine Passgiere ohne lästige Umwege zum Ziel fliegen und müsste mit weniger Lotsen Kontakt aufnehmen.

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