Viele Legenden und eine Vision

Die Einheit war teuer – aber kaum billiger zu haben

Herausgeber Ulrich Brodersen

Auch am 22. Jahrestag der Wiedervereinigung sind die neuen Bundesländer auf Hilfe angewiesen. Bisher stieg die Wirtschaftsleistung pro Kopf von 40 auf nur knapp 70 Prozent des Westniveaus. Gängig ist, dafür falsche Politik verantwortlich zu machen: „Die D-Mark kam zu früh“, „Der Umtauschkurs war falsch“, „Löhne wurden zu schnell zu stark angehoben“, „Die Treuhandanstalt hat das Volksvermögen der DDR an Westdeutsche verschleudert“.

Jenseits solcher durchaus auch ideologisch gefärbter Mutmaßungen spricht einiges dafür, dass schlicht die Ausgangslage falsch eingeschätzt worden war. Wie weit war es denn her mit dem Volksvermögen? Laut einem Bericht an das Politbüro aus dem Jahr 1989 war die DDR heillos überschuldet. Konstatiert wurde eine „grobe Vernachlässigung von Investitionen in Infrastruktur, Produktionsmittel und Bausubstanz“.

Zu den von interessierter Seite lancierten Legenden gehört, die mit der Privatisierung betraute Treuhand habe 600 Milliarden D-Mark Industrievermögen in 250 Milliarden D-Mark Schulden verwandelt. Auf die 600 Milliarden war man anhand von DDR-Statistiken gekommen. Obwohl der Bericht an das Politbüro auch eine Verbesserung „des Wahrheitsgehalts der Statistik und Information“ angemahnt hatte.

Den wahren Wert erläutert Richard Schröder, nach der Wende SPD-Politiker, am Beispiel des Trabi-Werks in Zwickau: „Es war schon einiges wert – solange es eine Abnahmegarantie auf 20 Jahre gab. So etwas hat man heute höchstens bei Solarstrom. Dieser Wert verflüchtigte sich gegen null, als man für dasselbe Geld einen gebrauchten Westwagen sofort bekam.“ Und: Zur Gegenrechnung gehörten 100 Milliarden D-Mark Altschulden der Betriebe, 43 Milliarden für ökologische Maßnahmen und 153 Milliarden für Sanierung, Anschubfinanzierung und Sozialpläne.

Nun wäre es der historischen Dimension des Geschehens nicht angemessen, den 3. Oktober nur unter ökonomischen Aspekten abzuhandeln. Weiten wir deshalb den Blick – mit der Vision des Schriftstellers Thomas Mann von 1953 (!):

„Wir wissen nicht, wie es geschehen, wie das unnatürliche zweigeteilte Deutschland wieder eins werden soll. Es ist uns dunkel, und wir sind auf den Glauben angewiesen, dass die Geschichte schon Mittel und Wege finden wird, das Unnatürliche aufzuheben und das Natürliche herzustellen: ein Deutschland als selbstbewusst dienendes Glied eines in Selbstbewusstsein geeinten Europa – nicht etwa als sein Herr und Meister.“ 


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