Verkehrte Welt

Die deutsche Lohnpolitik ist angeblich schuld an der Euro-Krise

Deutsche Gewerkschaften haben in der diesjährigen Tarifrunde ein originelles Argument parat: Ein hohes Lohnplus sei schon allein deshalb angesagt, damit die Krise in den europäischen Schuldenstaaten nicht weiter eskaliere.

Die Begründung ist krude – und doch immer wieder zu hören, zuletzt von der bei der Uno angesiedelten Internationalen Arbeitsorganisation: Die „schwache Entwicklung“ der Lohneinkommen habe in Deutschland den Export angeschoben (über steigende Wettbewerbsfähigkeit) und zugleich den Import beeinträchtigt (wegen zu geringer Kaufkraft). Somit kauften andere Länder zu viel bei uns ein – und würden zu wenig bei uns los. Das sei „die strukturelle Ursache für die jüngsten Schwierigkeiten der Euro-Zone“.

Diesem mehrdimensionalen Blödsinn steht eine Reihe von Fakten entgegen. Beginnen wir mit unserer angeblichen Exportoffensive. Bereits 2009, im Jahr der Weltwirtschaftskrise, ging die deutsche Ausfuhr stärker zurück als die Einfuhr. Und in den Jahren 2010 und 2011 legte sie weniger stark zu als die Einfuhr. Dieser Trend setzt sich den Prognosen zufolge auch 2012 fort.

Und was die „schwache Lohnentwicklung“ angeht, hilft ein Blick zurück. Vor zwei Jahrzehnten, 1991, lagen die Arbeitskosten der deutschen Industrie um 24 Prozent über dem Schnitt der anderen EU-Länder. Das war wohl nicht genug – 1995 betrug der Abstand schon über 45 Prozent! Die Arbeitslosigkeit stieg und stieg, auf über fünf Millionen! Deutschland galt als „kranker Mann“ Europas. Hätten wir so weitermachen sollen?

Wir kriegten die Kurve. Und bis 2010 ging unsere Mehrbelastung bei den Arbeitskosten wieder auf 19 Prozent zurück. Parallel stieg die Beschäftigung auf Rekordniveau.

Deutschland ist zumindest im Industriebereich noch immer ein Hochlohnland. Die Exportkraft erklärt sich nicht aus Lohndumping, sondern aus der Qualität und Einzigartigkeit vieler Produkte. Die Arbeitskosten stiegen seit 1999 in etwa so stark wie die Produktivität. In den Euro-Krisenländern stiegen sie dagegen exorbitant, in Griechenland um sage und schreibe 56 Prozent schneller als durch die höhere Leistung je Arbeitsstunde gerechtfertigt! Wem wäre geholfen, wenn wir es ähnlich gehalten hätten?

Stehen und fallen nicht all die Rettungsschirme gerade damit, dass Deutschland relativ stabil ist? Dass dem vergleichsweise Soliden geraten wird, sich am Verhalten der Unsoliden auszurichten: Ist das nicht geradezu abartig?


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