Die dritte Hand

Die Betriebe geben mehr Geld – und die Arbeitnehmer greifen ins Leere

Herausgeber Ulrich Brodersen

Wer nicht zu den kühlen Rechnern gehört, sondern auch Geldfragen eher intuitiv angeht, kann beim Blick auf die erste Lohnabrechnung nach einer Tarifrunde schon mal irritiert sein: War da nicht eine Vier vor dem Komma vereinbart? Wieso macht das bei mir nicht mehr aus?

Der erste Impuls sagt dann vielleicht: „Da hat das Personalbüro geschlampt!“ Oder: „Da hätte meine Gewerkschaft aber mehr rausholen müssen!“ Bevor man sich darauf besinnt, was wirklich geschah. Es hat wieder ein Dritter die Hand weit aufgehalten – der Staat.

Die Sozialbeiträge sind, sofern die Regierung nicht schon wieder die Sätze erhöht hat, „nur“ proportional mitgestiegen (bis zur Beitragsbemessungsgrenze). Aber bei Lohnsteuer, „Soli“ und gegebenenfalls Kirchensteuer ist das Plus größer als beim Lohn selbst.

Das liegt am progressiven Steuertarif: Je mehr man verdient, desto mehr Prozent Steuern zahlt man. Besonders ärgerlich ist die „kalte Progression“: Es wurde auch das überproportional angeknapst, was nur die Inflation ausgleichen sollte und nichts mit gestiegener Leistungsfähigkeit zu tun hat.

Und der Arbeitgeber? Der zahlt nicht nur die volle Lohnerhöhung, sondern seinerseits noch zusätzliche Sozialabgaben. Um 16 Prozent hat sich für ihn die Arbeitsstunde von 2000 bis 2010 verteuert, und den Beschäftigten blieb davon nach Abzug der Teuerung, zusätzlichen Steuern und Abgaben – nichts. Das sind die Fakten für die Gesamtwirtschaft. In der Industrie lief es für die Arbeitnehmer besser, anderswo schlechter.

Die Differenz von Brutto zu Netto ist bei uns größer als im Schnitt der Industriestaaten. Was gute Fachkräfte tendenziell außer Landes treibt und eine Geisteshaltung begünstigt, wonach man möglichst gut an der Umverteilung von Staats wegen partizipieren möchte. Inflation und kalte Progression bilden einen Zangengriff, der von durchaus stattlichen Lohnerhöhungen so viel abquetscht, dass kaum Kaufkraftsicherung verbleibt. So konterkarieren Sozialpolitik, Finanzpolitik und auch die Geldpolitik der Notenbank die in der Freiheit der Tarifautonomie erzielten Verteilungsergebnisse. Erstaunlich, dass so viele meinen, der Staat greife immer noch nicht genug ins wirtschaftliche Geschehen ein.

Am Ende ist es wieder die freie Wirtschaft, die – soweit Konjunktur und Wettbewerbsfähigkeit es ermöglichen – die Folgen abmildert und die Kaufkraft der Leute stärkt: mittels freiwilliger übertariflicher Leistungen. 


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