Leitartikel

Die Aufregung um den „Armutsbericht“

AKTIV-Chefredakteur Ulrich von Lampe

Soziale Not gibt es auch in Deutschland. Wenn der Betrieb dichtmacht, die Ehe zerbricht, der Körper streikt – dann bringt das auch Menschen mit solider Ausbildung in Schieflage. Der neue „Armuts- und Reichtumsbericht“ beleuchtet das auf 500 Seiten. In der Öffentlichkeit wird er auf eine einzige Zahl reduziert. Und da beginnt die Fehleinschätzung.

15,1 Prozent der Bevölkerung, so steht es auf einer der vielen Seiten des Regierungsreports, waren 2011 „armutsgefährdet“. Die Zahl wurde schon vorab publik. Daraus wurde erst die Verkürzung: „Jeder Sechste ist arm.“ Und dann der Skandal: „Armut auf Rekordniveau!“

Weil Elend immer privat ist, die Debatte dazu aber öffentlich, hangelt man sich an löchrigen Statistiken entlang. In diesem Fall an dem, was die Leute den Statistik-Ämtern im „Mikrozensus“ über ihr Einkommen verraten. Die Interviewer tappen oft im Dunkeln: Bis zu einem Drittel der Werte, sagen Experten, werden „unterstellt“. Da ist der Mini-Anstieg seit 2005 (von 14,7 auf 15,1  Prozent) nicht wirklich ein harter Fakt.

Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens hat. Auch das eine Krücke: Dass man in jungen Jahren und als Rentner mit weniger auskommt als in der Rushhour des Lebens – was ist daran skandalös? Und dass es seit 2005 sechs Millionen Zuzüge nach Deutschland gab – relativiert das nicht die Aussagekraft des relativen Einkommens?

Übrigens: Als „streng arm“ gilt, wer weniger als 40 Prozent des mittleren Einkommens hat. Das sind in Deutschland etwa 3 Prozent der Bevölkerung. Es sind im Wesentlichen Leute, die zu scheu sind, Sozialhilfe zu beantragen.


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Schlagwörter: Soziales

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