Sozialstaat

Die „Armutsquote“ sorgt mal wieder für Wirbel – was steckt wirklich dahinter?

Gedrängel in der Einkaufsmeile: Echte Not leiden bei uns zum Glück nur ganz wenige Mitbürger. Foto: Imago

Berlin. Die Wirtschaftskraft wächst, das Bruttoinlandsprodukt hat 2014 und 2015 merklich zugelegt. Der Arbeitsmarkt ist stabil, die Zahl der Beschäftigten höher als je zuvor. Steigende Preise machen uns kaum noch Sorgen, die Inflation ist praktisch verschwunden.

Und nun das: Der Paritätische Wohlfahrtsverband beklagt „ein Verharren der Armutsquote auf hohem Niveau“. Wie bitte?

Bettelarm leben oder gar (ver-)hungern muss im deutschen Sozialstaat natürlich niemand. Vor absoluter Armut schützen die sozialen Grundsicherungssysteme.

Bei der „Armutsquote“ geht es tatsächlich um eine „Armutsgefährdung“ – auf hohem Niveau. Die wird relativ gemessen; die EU-Regel dafür wird bei uns auf Daten aus dem amtlichen Mikrozensus angewandt: Hat ein Haushalt nach Steuern und Sozialleistungen unter 60 Prozent des mittleren Einkommens, gilt er als „gefährdet“.

Dazu gehören also nicht nur Mitmenschen mit ernsten Geldsorgen, sondern auch der Student am eigenem Herd, dem die Eltern 917 Euro im Monat überweisen – so hoch ist aktuell die deutsche „Gefährdungsschwelle“. Die Seniorin im abbezahlten Eigenheim, der von der Rente netto 917 Euro bleiben, gilt ebenfalls als Problemfall.




Das relative Maß der Armut hat einen weiteren Haken: Wenn alle Bürger auf einen Schlag nur noch halb so viel Einkommen hätten – oder dreimal so viel: An der Quote würde sich nichts ändern.

Trotz solcher Schwächen kann die Statistik helfen, auf Probleme hinzuweisen. Was sie aber vor allem zeigt: Der beste Schutz vor Armut ist Arbeit – Erwerbslose sind mit Abstand am stärksten gefährdet. Und Menschen mit einem klassischen Job brauchen praktisch nie Stütze: Nur einer von 100 Vollzeitbeschäftigten (ohne Beamte) muss „aufstocken“, weil er zu wenig verdient.

Außerdem besonders häufig in der Klemme: Alleinerziehende. Die massiven Investitionen in Kitas und Ganztagsschulen dürften da helfen. Die Gefährdungsquote der Alleinerziehenden ist zwischen 2013 und 2014 leicht gesunken (neuere Daten liegen noch nicht vor).

Die Renten werden 2016 so stark steigen wie schon lange nicht mehr

Eine anhaltende Verschlechterung zeigt sich bei Rentnern. Deren Quote liegt nun erstmals leicht über dem Schnitt. Auch, weil Geringverdiener zu wenig fürs Alter sparen – und so auf staatliche Förderung verzichten. Über dieses Problem wird in Berlin diskutiert. Wobei die solide Konjunktur natürlich auch bei den Älteren ankommt: Im Juli dürften die westdeutschen Renten um 4,4 Prozent steigen – so stark wie seit über 20 Jahren nicht mehr.

Wer mal wieder hört, dass „Arme immer ärmer werden“, der sollte wissen: Die Daten stützen diese Behauptung nicht. Das Durchschnittsnetto von Einkommensarmen ist inflationsbereinigt von 2006 bis 2012 um knapp 5 Prozent gestiegen (so die jüngste Auswertung der Befragung „Sozio-oekonomisches Panel“). Mehr als die Hälfte dessen, was diese Menschen ausgeben können, zahlt der Staat – daran hat sich seit 1996 praktisch nichts geändert. Wie sehr bei uns die Starken die Schwachen stützen, kann man sich auf arm-und-reich.de rasch selbst vor Augen führen.

Im Sozialministerium wird unterdessen wieder an einem offiziellen Armutsbericht gearbeitet. In der letzten Ausgabe (2013) heißt es zur Aufgabe der Politik in der Sozialen Marktwirtschaft: Der Gesetzgeber muss für „Chancen zur Verbesserung der Lebenslage“ sorgen. Aber: „Letztlich steht es in der Verantwortung jedes Einzelnen, eröffnete Chancen auch zu nutzen.“

Mehr zum Thema:

Wie hierzulande über Armut debattiert wird, das verärgert viele Experten. Zum Beispiel Professor Georg Cremer, den Generalsekretär des Deutschen Caritas-Verbands. Er sagt, das Thema werde unangemessen skandalisiert.

Wenn Frauen im Schnitt weniger verdienen als Männer – muss da der Gesetzgeber ran? Und wie groß ist dieser Unterschied denn eigentlich? AKTIV sprach mit einer Expertin des Arbeitgeberdachverbands BDA über das Reizthema.

In Deutschland haben 284.000 Menschen derzeit keine eigene feste Bleibe – fast 15 Prozent mehr als noch 2010, Tendenz steigend. Wie kommt das? Ein Bericht von ganz unten.

Rente mit 63 oder Mütterrente hätten niemals eingeführt werden dürfen, sagt Reiner Klingholz. Der Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung warnt im AKTIV-Interview vor einer wachsenden Übermacht der Alten.

Artikelfunktionen


Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:

'' Zum Anfang