Internationaler Währungsfonds warnt:

„Die Abwärtsrisiken in der Chemie-Branche haben zugenommen“

Wiesbaden. Lange galt Deutschland, während europäische Nachbarn in der Krise stecken, als Fels in der Brandung. Das ist vorbei: Die Lage in der Ukraine und dem Nahen Osten verdirbt Käufern die Konsumlaune, Unternehmen schrecken vor Investitionen im Land zurück. Ökonomen schrauben ihre Erwartungen ans deutsche Wachstum laufend nach unten: „Die Abwärtsrisiken haben zugenommen“, warnt der Internationale Währungsfonds (IWF) in seinem jüngsten Weltwirtschaftsausblick.

Aktueller Tiefpunkt ist die jüngste Prognose der Bundesregierung: Demnach wächst die Wirtschaftsleistung 2014 nur noch um 1,2 Prozent – im April lag der Wert noch bei 1,8 Prozent. Nächstes Jahr sieht Schwarz-Rot das Wachstum nur noch bei 1,3 Prozent – statt bei 2,0 Prozent.

Nur noch schwaches Wirtschaftswachstum

„Die nur moderate weltwirtschaftliche Entwicklung belastet die Konjunktur“, sagt Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel. Und Hans-Werner Sinn, Chef des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung an der Uni München (Ifo), stellt fest: „Der deutsche Konjunkturmotor läuft nicht mehr rund.“

Schon vor einigen Wochen hatte die Talfahrt der Vorhersagen begonnen: Erst senkte der IWF seine Prognose für das Wachstum in Deutschland. Wenig später folgten andere führende Wirtschaftsforschungsinstitute. Die Daten ihrer Herbstgutachten zeigen, dass die Kräfte der deutschen Firmen nachlassen: Ifo-Index, ZEW- oder der GfK-Konsumklima-Index sind kräftig gesunken – alles Indizien für ein vorzeitiges Ende des Aufschwungs in Deutschland.

Trotz der eingetrübten Aussichten ist damit zu rechnen, dass die Chemie-Gewerkschaft IG BCE bei den im Januar beginnenden Tarifverhandlungen weitere Einkommenszuschläge verlangt. Das bereitet der Branche Sorge: „Wir befinden uns in einem herausfordernden Umfeld“, sagt Klaus-Peter Stiller, Hauptgeschäftsführer des Bundesarbeitgeberverbands Chemie (BAVC) in Wiesbaden. „Die Situation ist deutlich schwieriger als noch vor zwölf Monaten.“ In einer international aufgestellten Branche wie der Chemie werde die Lage aufgrund der diversen Krisen „zunehmend volatiler“, also schwankender.

Wegen der schlechten Aussichten dämpfte auch der Verband der Chemischen Industrie (VCI) seine Erwartungen für das Gesamtjahr. Die Experten rechnen nur noch mit einem Produktionsanstieg um 1,5 Prozent, bisher waren sie von 2 Prozent ausgegangen.

Stiller mahnt nun die Gewerkschaft angesichts der wachsenden Unsicherheit zur Vorsicht bei ihrer Lohnforderung: „Die Chemie spürt konjunkturellen Gegenwind. Für übertriebene Lohnforderungen ist kein Platz!“ Zudem verweist er auf die „spürbaren Reallohn-Zuwächse“ in den letzten Jahren. Heißt: Die Einkommen stiegen im Durchschnitt stärker als die Preise.

An Warnsignalen aus der Industrie fehlt es nicht: Heimische Firmen drosselten kürzlich ihren Ausstoß so stark wie seit fünf Jahren nicht mehr. Im August fiel die gesamte Industrieproduktion auf minus 4,8 Prozent zum Vormonat. Die Industriekonjunktur durchlaufe gegenwärtig eine Schwächephase, heißt es im Wirtschaftsministerium. Doch auch für das dritte Quartal rechnen die Experten mit einer schwachen Produktion, bei manchen geht bereits die Angst vor einer Rezession um.

In Deutschland wird weniger investiert

In der Chemiebranche sank der Ausstoß im zweiten Quartal um 2,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Auch der Umsatz war mit minus 1,2 Prozent rückläufig. Selbst das starke Zugpferd der Exporte lahmt, hinzu kommen erschwerende Faktoren wie die Rente mit 63, die Mütterrente und der gesetzliche Mindestlohn.

Der weltgrößte Chemiekonzern BASF mit Sitz in Ludwigshafen hat bereits angekündigt, den Anteil seiner heimischen Investitionen deutlich zusammenzustreichen – von einem Drittel auf ein Viertel. Insgesamt will der Konzern bis 2017 rund 17 Milliarden Euro ausgeben. Bei der Entscheidung, davon weniger im Inland einzusetzen, spielen auch die hohen Energiepreise eine bedeutende Rolle.


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