Leitartikel

Deutschlands Stärke, Deutschlands Schwäche

AKTIV-Chefredakteur Ulrich von Lampe. Foto: Roth

Wir überholen China – und sind „wieder Exportweltmeister“: So stand es jetzt in vielen Medien. Die einen verwechseln das mit einer Sport-Meldung und recken reflexhaft die Arme. Die anderen schreien „Doping“ und werfen Deutschland vor, mit seiner Stärke andere Länder in den Ruin zu treiben. Alles Quatsch!

Zunächst mal: Exportweltmeister werden wir so schnell nicht mehr. Die Chinesen haben uns da 2009 abgelöst und seitdem klar abgehängt. 2015 verkauften sie Waren für 2.050 Milliarden Euro in alle Welt. Wir kamen auf 1.200 Milliarden, und für 2016 zeichnet sich laut jüngster Statistik (Januar bis Juli) ein leichter Rückgang ab.

Steigen dürfte allerdings der deutsche Leistungsbilanz-Überschuss. Diese Kennzahl misst, was von Deutschlands Exporterlös übrig bleibt – wenn man den Warenimport abzieht und auch Dienstleistungen (Beispiel: deutsche Urlauber im Ausland) und Übertragungen (Entwicklungshilfe) im Blick hat. Dieser Netto-Erlös wird laut einer Prognose in diesem Jahr den der Chinesen übertreffen.

Es geht also aktuell weniger um unseren Umsatz im Ausland. Sondern um den des Auslands bei uns. Und warum ist der relativ mau? Zum einen, weil Erdöl und andere Importgüter viel billiger geworden sind, was sich wieder drehen kann.

Zum anderen aber, weil bei uns inzwischen alle drei Wirtschaftsbereiche auf der Bremse stehen und weniger ausgeben, als sie einnehmen: der Staat, weil er bei den Schulden eine kritische Grenze erreicht hat; die Privathaushalte, weil unsere alternde Gesellschaft Existenzsorgen bekommt; die Unternehmen, weil sie zu wenig Investitionschancen sehen.

Ausdruck von Stärke ist all dies nicht.


Artikelfunktionen


Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:

'' Zum Anfang