Energiewende

Deutschlands neue Zerreißprobe

Stromleitungen: Zu hohe Spannung zu nah am Haus kann krank machen – darauf müssen die Architekten der Energiewende Rücksicht nehmen. Foto: durrer

Streit um den milliardenschweren Netzausbau

Berlin. Trotz des Atomausstiegs geht der Streit ums Thema Energie in eine neue Runde. Am 29. Mai veröffentlichen die Firmen, die für die vier Stromkonzerne EnBW, Eon, RWE und Vattenfall das Übertragungsnetz betreiben, den „Netzentwicklungsplan Strom“. Er ist das Drehbuch für den Ausbau der Leitungen, analog dem Bundesverkehrswegeplan für die Straßen.

Die Sache ist dringlich – denn nach dem Abschalten von 8 der 17 Atommeiler im letzten Jahr und infolge des Ausbaus der Windenergie ergibt sich eine Schieflage: Die meisten Windräder drehen sich im Norden und Nordosten, verbraucht wird die Energie aber vor allem im Westen und Süden. Die Höchstspannungsleitungen, die „Autobahnen“ dazwischen, werden zum Engpass. Und der wird umso dramatischer, je weiter die Energiewende voranschreitet.

Plausible Sorgen oder Hysterie?

Wo die Lücken sind, das ist schon seit längerem auf der Website der Bundesnetzagentur zu sehen. Doch der Ausbau kommt nicht in Gang: Investoren scheuen das Risiko, weil Genehmigungen unsicher erscheinen. „Für die Energiewende ist dies eine besorgniserregende Nachricht“, warnt Jochen Homann, Präsident der Bundesnetzagentur. „Netzbetreiber und Planungsbehörden der Länder sollten die Anstrengungen erhöhen und weitere Verzögerungen vermeiden.“

Der Chef der Bundesbehörde, die den Netzausbau überwacht, kämpft mit einem Problem der Zuständigkeiten: Das entsprechende Gesetz hat der Bund gemacht – doch für den Vollzug sind die Länder zuständig.
Und da gibt es verschiedene Auffassungen zu Bedarf, Zeitplänen und einzusetzenden Techniken. Zudem sind Auseinandersetzungen mit Anwohnern absehbar. Jenseits bestimmter Werte können elektromagnetische Felder die Gesundheit beeinträchtigen. Die Frage ist nur, wie so oft, ob plausible Besorgnis in Hysterie und Aktionismus umschlägt.

Das Bundesamt für Strahlenschutz setzt sich unter anderem für Abstandsregelungen ein – die schon im Herbst Gesetz werden könnten: Neue Höchstspannungsleitungen im Freien sollten keine oder nur geringe Strahlenbelastung in Wohngebieten verursachen. Das kann erreicht werden, wenn ein Abstand von 200 bis 400 Metern eingehalten wird. „Wo das nicht geht, raten wir zu Erdkabeln“, erklärt der zuständige Abteilungsleiter Thomas Jung. Diese kosten zwei- bis fünfmal so viel wie Freileitungen.

Wettlauf gegen den Blackout

Übrigens: Auch im Verteilnetz mit niedrigeren Spannungen herrscht Modernisierungsstau. Die erneuerbaren Energien zwingen es „mitzudenken“: Ein solches Netz soll den von den vielen Windrädern eingespeisten Strom automatisch verteilen und überschüssige Mengen ableiten. „Overlay-Grid“ heißt das im Fachjargon.

Der Ausbau wird Milliarden kosten, und die Betreiber werden das auf die Verbraucher umlegen. Aber die Deutsche Energie-Agentur, die im Auftrag der Regierung die Märkte beobachtet, relativiert das. Behördenchef Stephan Kohler: „Privathaushalte werden die Energiewende im Jahr 2020 mit 150 Euro zusätzlich bezahlen.“ Das Kernproblem ist der Faktor Zeit – der Wettlauf gegen den Blackout.

Eva Schröder


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Schlagwörter: Energie Strom

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