Der Ansturm auf die Mega-Citys

Deutschlands Industrie löst die urbanen Probleme von Ballungsräumen in aller Welt


Frankfurt. Im größten Moloch der Erde bricht ein neues Zeitalter an. Die Region Tokio-Yokohama mit ihren 35 Millionen Einwohnern unterwirft sich strengem Klimaschutz nach europäischem Muster: Im ersten Schritt müssen die 1.200 größten Bürohäuser für ihren Ausstoß an klimaschädlichem Kohlendioxid Emissionsrechte kaufen – und dann Jahr für Jahr besser werden.

Es ist nur ein Beispiel von vielen. Jeder zweite Erdenbürger lebt in der Stadt – und täglich ziehen 170.000 Menschen dazu. Bis 2050 wachsen die Städte auf die Größe der heutigen Weltbevölkerung, und die Zahl der Mega-Citys mit mehr als zehn Millionen Einwohnern, aktuell 22, wird ansteigen.

Doch in jedem Problem liegt eine Perspektive: „Für Deutschlands Industrie“, konstatiert ganz trocken Professor Wilhelm Bauer, „bietet die Urbanisierung große Chancen.“

30.000 Milliarden Euro  Investitionsbedarf bis zum Jahr 2030

Bauer ist eine Schlüsselfigur bei der „Plattform Zukunftsstadt“. Dort entwickeln die Bundesregierung, die Wirtschaft sowie Umwelt- und Entwicklungsorganisationen die Blaupause für die Mega-Citys der Welt. Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation, Bauer ist da Vize-Chef, schickt Experten in die Ballungsräume. Sie recherchieren vor Ort, wohin die Reise geht – und was an konkreten Lösungen gebraucht wird.

„Die Herausforderung umfasst alle Bereiche der Infrastruktur“, sagt Bauer. „Das Stichwort lautet intelligente Vernetzung. Und besonders deutlich wird das in der Energie- und Wasserversorgung.“

Deutsche Unternehmen haben da viel im Angebot – der Mittelständler wie der Weltkonzern. So entwickelte Bosch Thermotechnik ein Verfahren, das auch geringe industrielle Abwärme hocheffizient zu Strom macht. Siemens hilft etwa Stadtvätern, den Überblick über die Datenflut zu behalten, oder optimiert die Energieversorgung von Nahverkehrszügen je nach Verkehrsaufkommen. Selbst vermeintliche Standardprodukte wie Stromleitungen und Wasserrohre werden mit Blick auf die Mega-Citys optimiert (siehe „Schon gewusst?“).

Der Markt für neue Technologien ist riesig. Allein die 22 bisherigen Mega-Citys, das hat die in Paris ansässige Industriestaaten-Denkfabrik OECD ermittelt, müssen bis zum Jahr 2030 die unvorstellbare Summe von mehr als 30.000 Milliarden Euro in ihre Infrastruktur investieren.

Ein Kraftakt. Zum Vergleich: Der deutsche Staatshaushalt eines Jahres ist rund 1.200 Milliarden Euro schwer. Und deshalb geht es bei der Blaupause für die Mega-Citys nicht nur um schlaue Produkte – sondern auch um schlaue Finanzierungslösungen.

Wie die aussehen könnten, beschrieb Bauer kürzlich auf dem „Hessenforum“, einem jährlichen Unternehmertreffen in Frankfurt am Main. „Die privaten Anbieter gehen in Vorleistung. Sie stellen die Technik zur Verfügung – die dann, abhängig vom jeweiligen Nutzungsgrad, von den Anwendern bezahlt wird.“

Deutschlands Energiewende schiebt den Technologie-Export an

„Pay per use“ heißt das Konzept, das noch in den Anfängen steckt und zum Beispiel von Siemens bei der Bereitstellung von Energiesparsystemen praktiziert wird. Den Unternehmen, die dieses Finanzierungsmodell vorantreiben, könne es einen Wettbewerbsvorteil verschaffen.

„Deutschland ist bereits Exportweltmeister für städtische Infrastrukturen“, betont der Urbanitätsexperte. „Wir können diese Stellung weiter ausbauen.“

So umstritten die Energiewende hierzulande ist: In diesem Zusammenhang, beobachtet Bauer, bringe sie „einen regelrechten Anschub für deutsche Technologien auf dem Weltmarkt“. Hilfreich sei auch die Querverbindung zu den deutschen Architekten und Stadtentwicklern, die im Auftrag vieler Regierungen, vor allem in China, neue Ballungsräume mitgestalten. „Was eingebaut wird, muss ja vorher geplant werden“, sagt Bauer. „Und wenn man uns da kennt, ist das eine gute Voraussetzung.“

Auch in Deutschland steigt die Bedeutung der Städte weiter. Trotz insgesamt schrumpfender Bevölkerung wird dort die Einwohnerzahl wachsen. So werden die Zuwanderer, die wir dringend brauchen, überwiegend in die Städte ziehen.

Die Fraunhofer-Analyseteams nehmen deshalb nicht nur Tokio und Mexiko-Stadt unter die Lupe, sondern beispielhaft auch Berlin. Und da kriegen die Verantwortlichen, zuletzt wegen des Flughafen-Desasters viel gescholten, mal gute Noten: „Was digitale Vernetzung und urbane Mobilität angeht, ist die Hauptstadt sehr weit.“

Referenzprodukte im eigenen Land: Das ist noch eine Steilvorlage für den deutschen Export.

Schon gewusst?

Stromleitungen, die mitdenken

Überlastete Stromverteiler gehören zu den Alltagsproblemen etwa in Indiens Metropole Mumbai. Sogenannte Smart Grids, wie sie Alstom Grid in Kassel entwickelt, stabilisieren das Netz. Sie verbinden Erzeuger und Verbraucher digital, bringen die Energie zur richtigen Zeit an den richtigen Ort.

Wasserrohre, die sich anpassen

Viele Großstädte kommen mit dem Ausbau der ­Trinkwasserversorgung nicht nach, etwa Mexiko-Stadt. Am einfachsten lassen sich die Systeme durch „duktile“ Rohre erweitern – die gusseisern und dennoch verformbar sind. Duktus in Wetzlar ist darauf spezialisiert.

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