Arbeitsplätze

Deutschland ist nicht Nokia-Land


Die Bilanz zum Thema „weggehen oder hierbleiben“

Wiesbaden. Die verunsicherten Gesichter von Bochum – sie stehen stellvertretend für ein ganzes Land. Wie viele „Nokias“ gibt es noch, fragen sich viele, auch zwei Monate nach der Entscheidung des finnischen Technologie-Konzerns, die Handy-Fertigung von der Ruhr nach Rumänien zu verlagern. Droht die große Abwanderungswelle? Gibt es doch ständig neue Meldungen von Job-Abbau bei Industriefirmen!

Unter dem Strich sieht es gar nicht so düster aus: Die Industriebeschäftigung in Deutschland ist allein letztes Jahr um 86.000 gestiegen, ein Plus von 1,7 Prozent. Das bilanziert das Statistische Bundesamt in Wiesbaden. Die Kleinbetriebe mit weniger als 50 Beschäftigten, die in der Regel eine besonders gute Job-Bilanz haben, hat es dabei noch gar nicht mitgerechnet.

Arbeitslosigkeit sinkt auch 2008

Die Bilanz ist insofern erstaunlich, als das „Verlagern“ von Produktion ins Ausland  ein Massenphänomen ist. In 26 Prozent der größeren Industriefirmen ab 100 Mitarbeiter, auch das wissen die Statistiker aus Wiesbaden, gibt es ganz konkrete Projekte aus der jüngeren Vergangenheit (seit 2001) oder als Planung bis Ende 2009. Besonders intensiv läuft das im größten Industriezweig Metall und Elektro: Allein in den drei Jahren 2004 bis 2006 haben 19 Prozent der Firmen verlagert, berichtet das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung Karlsruhe.

Wieso geht es am deutschen Stellenmarkt trotzdem aufwärts? Wieso erwartet die Bundesagentur für Arbeit für dieses Jahr erneut 346.000 Arbeitslose weniger? Die Industrie investiert eben nicht nur im Ausland, sondern auch zu Hause. Und zwar viel mehr als früher: „2006 waren es 7,4 Prozent mehr, die Zahl für 2007 liegt noch nicht vor“, sagt Rolf Loidl vom Statistischen Bundesamt.

Selbst bei jenen Firmen, die mit einem Teil der Produktion ins Ausland abwandern, kommen laut Statistik auf je 100 ins Ausland verlagerte Jobs immerhin 56 zusätzlich geschaffene Jobs in Deutschland.

Beispiel MAN: Der Konzern beschloss Ende 2007, Busse in Polen statt in Salzgitter herzustellen, aber zugleich die Lkw-Fertigung in Salzgitter auszubauen. Dadurch gab es für die Bus-Bauer neue Jobs. Insgesamt haben 900 Mitarbeiter in Salzgitter jetzt einen sichereren Arbeitsplatz als früher.

Übrigens: So manche Investition besteht darin, Produktion aus dem Ausland zurückzuholen. „Auf jeden sechsten Verlagerer kommt ein Rückverlagerer“, weiß Fraunhofer-Experte Steffen Kinkel. So holt Schokoladen-Hersteller Ritter Sport derzeit Produktion aus Russland nach Schwaben zurück. Aus Qualitätsgründen.

„Nachtrauern hat wenig Sinn“

Henning Klodt vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel beobachtet: Obwohl es in der Auto-Industrie von 1995 bis 2003 eine Verlagerungswelle nach Mittel- und Osteuropa gab, hat die Branche in der gleichen Zeit unter dem Strich 160.000 zusätzliche Stellen in Deutschland geschaffen.

„Es hat also wenig Sinn, den verlagerten Arbeitsplätzen nachzutrauern“, sagt Klodt. „Offenbar ist diese Abwanderung eine wichtige Voraussetzung dafür, auch im Inland mehr Beschäftigung rentabel zu machen.“

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