Wettlauf mit der Zeit

Deutschland braucht dringend neue Stromtrassen – sonst führt der Atomausstieg zum Blackout

Köln. Die Zeit läuft für die letzten Kernkraftwerke Deutschlands. Derzeit liefern sie noch rund 15 Prozent des Stroms – doch bis 2022 müssen sie alle vom Netz. Wind- und Solaranlagen vor allem im Norden und Osten sollen dann Öko-Energie liefern, neue Leitungen sie auch in die Industriezentren im Süden transportieren.

Es ist flächenmäßig das größte Infrastruktur-Projekt seit dem Zweiten Weltkrieg: Etwa 4.500 Kilometer neue Strom­trassen sollen in den nächsten acht Jahren entstehen. Für geschätzte 25 Milliarden Euro. Fertig sind erst mickrige 350 Kilometer. Zudem formiert sich massiver Bürger-Widerstand, kaum dass mögliche Trassen bekannt werden.

Das gefährdet den Terminplan für den Atomausstieg. Die Zeit sei knapp, warnt Stephan Kohler, Chef der Deutschen Energieagentur in Berlin, die im Auftrag der Bundesregierung die Stromwirtschaft analysiert. „Wir sind mit dem Ausbau des Netzes deutlich im Verzug.“ Und Hans-Jürgen Brick, Geschäftsführer des größten deutschen Netzbetreibers Amprion in Dortmund, sagt: „Die größte Herausforderung ist der Zeitdruck und die Akzeptanz der Bevölkerung. Es wird hohen Diskussionsbedarf vor Ort geben.“

Das zeigte sich kürzlich bei der 1 Milliarde Euro teuren „Süd-Ost-Passage“ – die ab 2022 Strom aus Sachsen-Anhalt über 450 Kilometer bis fast nach Augsburg bringen soll. Nach den ersten Info-Veranstaltungen Ende Januar organisierte sich innerhalb nur eines Monats in Nordbayern Widerstand.

Die Kritiker attackieren die Leitung wegen 75 Meter hoher Masten als „Monstertrasse“. Sie bemängeln, dass nicht grüner, sondern Braunkohlestrom fließen werde. Und sie beschwören die Gefahr durch gesundheitsgefährdenden „Elektrosmog“ – obwohl der Staat zum Teil Vorgaben zum Abstand von Wohngebäuden macht und die Trassenführung noch nicht genau feststeht.

„Wer die Energiewende will“, hält Dena-Chef Kohler dagegen, „muss auch die Trassen akzeptieren. Sowie, dass sie Kohlestrom transportieren, wenn kein Wind weht.“

Gerade für Bayern ist das wichtig. Das Land bezieht bisher die Hälfte seines Stroms aus den vier Atommeilern Grafenrheinfeld, Gundremmingen B und C sowie Isar 2. Zwar schaffen neue Gaskraftwerke und die 300 Millionen Euro teure „Thüringer Strombrücke“ teilweisen Ersatz. Doch laut der staatlichen Bundesnetzagentur ist ohne weitere Trassen die Versorgung auf Dauer nicht sicher.


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