Interview mit Norbert Gerbsch vom Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie

Deutscher „Arzneimittel-Tüv“ hat Folgen für innovative Wirkstoffe


Bringen neue Medikamente den Patienen einen Zusatznutzen? Wenn ja, wie viel? Das wird seit Januar 2011 mit dem Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarkts (AMNOG) geprüft. Über den „Arzneimittel-Tüv“ sprach AKTIV mit Norbert Gerbsch, Vize-Chef vom Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie.

AKTIV: Preise für neue Medikamente können künftig erst festgelegt werden, wenn der Arzneimittel-Tüv über deren Zusatznutzen entschieden hat. Wie finden Sie das?
Gerbsch:
Bewerten kann man den Zusatznutzen grundsätzlich schon. Wie objektiv ein solches Urteil ist, darüber gehen die Expertenmeinungen in vielen Fällen auseinander.

AKTIV: Haben Sie ein Beispiel?
Gerbsch:
Es gibt einen neuen Wirkstoff gegen Hepatitis. Der Virus ist nach der Behandlung im Blut nicht mehr nachweisbar. Einen erheblichen Zusatznutzen hat das Präparat nicht attestiert bekommen. Weil nicht belegt ist, dass die Patienten in 10 bis 15 Jahren weniger an Lebertumoren erkranken, einer Folge der Hepatitis.

AKTIV: Was heißt das für das Pharma-Unternehmen?
Gerbsch:
Es muss auf Basis des geringeren festgestellten Zusatznutzens über die Vergütung des Arzneimittels verhandeln. Eine aufwendige Studie über 15 Jahre ist keine Alternative: Es wäre völlig offen, wie deren Ergebnis später bewertet wird. Außerdem wäre bis dahin das Patent längst abgelaufen.

AKTIV: Sind die Pharmafirmen überhaupt noch an Arzneimittel-Forschung interessiert?
Gerbsch:
Natürlich. Fraglich ist aber, ob sie neue Wirkstoffe weiter in Deutschland auf den Markt bringen können. Wir sind es gewohnt, dass die innovativsten Medikamente sofort verfügbar sind. Das kann sich ändern, wenn Märkte in den USA, Indien oder Brasilien attraktiver werden.

AKTIV: Sollte man den Zusatznutzen lieber gar nicht bewerten?
Gerbsch:
Doch. Allerdings sollten auch kleine Fortschritte honoriert werden. Große Durchbrüche vollziehen sich meist nicht mit einem Schlag, sondern in kleinen Schritten. Das ist wie in der Automobil-Industrie: Eine Sensation war nur der erste Motor, der Rest vom Airbag bis hin zur Klimaanlage sind Weiterentwicklungen.

Artikelfunktionen


'' Zum Anfang