Demografie-Experte: „75 ist das neue 65“

Deutsche Senioren sind viel fitter als früher – ein gewaltiger Fortschritt

Köln. Rente mit 63. Neue Altersteilzeit? Drei-Tage-Woche ab 60? Pausenlos leistet sich Deutschland Debatten darüber, wie man Menschen früher aus dem Arbeitsleben entfernen kann. Dabei wäre genau das Gegenteil geboten!

Grund genug für AKTIV, einmal genau zu beschreiben, wie fit ältere Mitbürger inzwischen sind.

Ein makabres, aber verlässliches Maß dafür nennt Roland Rau, Professor für Demografie an der Uni Rostock: „Der ultimative Indikator ist die Sterblichkeit – keine andere Maßzahl für die Gesundheit ist so klar und trennscharf definiert.“ Und da zeige der Vergleich über die Jahrzehnte „bei uns ein deutliches Absinken der Sterbewahrscheinlichkeit in jedem einzelnen Lebensjahr“ – gerade auch nach dem 60. Geburtstag.

Rau nennt ein Beispiel: „1960 lag die Wahrscheinlichkeit, dass ein westdeutscher 60-jähriger Mann innerhalb des nächsten Jahres sterben wird, bei rund 2,3 Prozent – 2010 nur noch bei 1,0 Prozent.“

Wer 60 ist, findet sich meist gar nicht „alt“

Auch bei den 70- oder 80-Jährigen habe sich die Sterbewahrscheinlichkeit in etwa halbiert, sagt der Experte. „Zugespitzt zeigen die Daten eine Verschiebung um etwa ein Jahrzehnt: 75 ist das neue 65.“ Das hat Folgen, nicht zuletzt für die Rentenkasse: Laut Statistischem Bundesamt hat ein Mann, der jetzt mit 65 in Rente geht, im Schnitt noch knapp 18 Jahre Leben vor sich, eine Frau fast 21 Jahre.

Dass wir im Schnitt deutlich länger leben werden als unsere Großeltern – heißt das etwa, dass wir vor dem Lebensende nur länger dahinsiechen? Aber nein, so Rau: „Es gibt inzwischen sehr starke Belege dafür, dass die hinzugewonnenen Lebensjahre tatsächlich vor allem gesunde Lebensjahre sind.“

Ein paar Gründe für diesen positiven Trend fallen wohl jedem rasch ein. Die bessere Ernährung etwa, gesündere Arbeitsplätze, medizinischer Fortschritt.

Beachtliches Ergebnis: „Die körperliche Leistungsfähigkeit, der objektive Gesundheitszustand und auch die subjektiv erlebte Gesundheit der heute 60-Jährigen sind durchaus vergleichbar mit dem Zustand der 45- bis 50-Jährigen um 1970.“ So sagt es Professor Andreas Kruse, Gerontologe an der Uni Heidelberg und Vorsitzender der Altenberichtskommission der Bundesregierung. „10 bis 15 Jahre gesundheitlichen Wohlbefindens sind also hinzugekommen.“ Und Kruse betont: „Die 60-Jährigen von heute fühlen sich in aller Regel nicht ,alt‘ – sie nehmen sich als physisch und kognitiv leistungsfähig wahr.“

Das unterstreicht eine repräsentative Umfrage des Erfurter Meinungsforschungsinstituts INSA. Demnach fühlen sich zwei Drittel der Zeitgenossen zwischen 60 und 69 mindestens zehn Jahre jünger, als sie tatsächlich sind. Die Älteren denken übrigens auch deutlich seltener ans Sterben als ihre Mitbürger zwischen 30 und 50.

Als Oldie noch was ganz Neues lernen – macht unser Hirn das überhaupt mit? Aber locker!

Dass Senioren immer besser drauf sind, zeigen auch ökonomische Fakten. So hat sich von 2003 bis 2013 der Anteil der Erwerbstätigen in der Altersgruppe 65 bis 69 mehr als verdoppelt: Laut neuer Zahlen aus dem Mikrozensus ist inzwischen jeder Achte noch irgendwie beruflich aktiv.

Und nach Angabe des Arbeitsministeriums nehmen Mitarbeiter zwischen 60 und 64 vermehrt an betrieblicher Weiterbildung teil. 2010 lernte erst jeder Vierte im Job dazu, 2012 schon jeder Dritte. Trotz dieser „positiven Entwicklung“ sei aber die „Beteiligung Älterer am Weiterbildungsgeschehen insgesamt unterdurchschnittlich“, notiert der „Fortschrittsreport altersgerechte Arbeitswelt“.

Moment mal – als Oldie was ganz Neues lernen: Geht das überhaupt?

Ja: „Wir wissen mittlerweile, dass das Gehirn lebenslang veränderbar ist, grundsätzlich sind wir in jedem Alter lernfähig.“ Das betont Claudia Voelcker-Rehage, Professorin am Zentrum für lebenslanges Lernen der Jacobs University Bremen. „Ältere lernen zwar langsamer“, erklärt sie, „aber der Lernzuwachs ist dann in vielen Fällen vergleichbar mit dem der Jüngeren“ (mehr dazu: Lebenslanges Lernen).

Im Altenbericht der Regierung hieß es schon 2010 provokant: „Bildung muss für alle Lebensalter selbstverständlich werden.“ Ältere seien „aufgefordert, sich Medienkompetenzen anzueignen und sich mit den Möglichkeiten der digitalen Welt auseinanderzusetzen“.

Rente mit 67 – nur eine Zwischenlösung?

Daran hapert es tatsächlich noch. Zwar nimmt die Quote der „Silver Surfer“ langsam zu – aber: Ein Drittel der 60- bis 69-Jährigen nutzt das Internet überhaupt nicht, wie der „(N)Onliner-Atlas“ ausweist.

Nun dürfte das für künftige Rentner-Generationen wohl kein Problem mehr sein. Aber langwierige Debatten über das angemessene Rentenalter – die werden auch unseren Kindern nicht erspart bleiben. Denn die Rente mit 67 (die bis 2031 schrittweise kommt) kann ja nur eine Zwischenlösung sein, falls es bei uns in Sachen Lebenserwartung so weitergeht.

„Wenn sich in den nächsten Jahrzehnten die Sterblichkeit mit demselben Tempo reduzieren würde wie in den vergangenen 40 Jahren“ – dann, sagt Demografie-Professor Rau, „dann könnte die Hälfte der heutzutage Neugeborenen davon ausgehen, 100 Jahre alt zu werden.“


Schon Gewusst?

Foto: BMFSFJ
Foto: BMFSFJ

Klischees mit Folgen

  • Wie gut man körperlich und geistig altert – das hängt auch davon ab, wie man selbst über das Alter denkt, ob man eine positive oder negative Einstellung dazu hat. Diese Wirkung der Klischees im eigenen Kopf ist empirisch gut belegt.
  • Eine wichtige Rolle spielen dabei die gesellschaftlichen „Altersbilder“: Sie beeinflussen zum Beispiel, was Ältere sich zutrauen. Damit hat sich der Altenbericht der Bundesregierung detailliert beschäftigt – und festgestellt: „Die in unserer Gesellschaft dominierenden Altersbilder werden der Vielfalt des Alters oft nicht gerecht.“
  • Ausführlich zeigt das eine Broschüre des Familienministeriums. Das kostenlose Heft „Eine neue Kultur des Alterns“ kann unter ao5.de/altersbilder heruntergeladen oder unter der Rufnummer 030 - 182 722 721 bestellt werden.

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