Produktgestaltung

Design - oder nicht sein!


627 Unternehmen im Rennen um den "Preis der Preise"

Der Konkurrenz die Rücklichter zeigen: Hervorragendes Design kann dabei helfen. Und wie perfekt gestaltete Produkte aussehen können, zeigt uns der „Designpreis der Bundesrepublik Deutschland“. Anfang 2008 wird er an elf deutsche Industrie-Erzeugnisse verliehen.

Was haben ein Sofa, ein Mülleimer, eine Skibrille und ein Motorrad gemeinsam? Ihnen wird Anfang 2008 eine besondere Ehre zuteil: Der Designpreis der Bundesrepublik Deutschland.

Und das ist „der Preis der Preise“ in Sachen Produktgestaltung, wie der verantwortliche Rat für Formgebung ganz unbescheiden klarmacht. Denn die Auszeichnung wird pro Jahr höchstens 25-mal überreicht. Dieses Mal waren aber mehr als 1.000 Produkte von 627 Herstellern aus dem In- und Ausland im Rennen  –  das ist ein neuer Rekord.

Dass die Konkurrenz zunimmt, liegt an der enormen Werbewirkung des Preises. Und dass er im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums vergeben wird, zeigt schon an, wie wichtig die gute Form für den Erfolg  gerade auch eines deutschen Produktes geworden ist. „Viele unserer Mittelständler sind Weltmarktführer, weil sie ein eigenständiges Design haben“, betont Andrej Kupetz,  Chef des Rates für Formgebung.

Gute Ideen im schönen Gewand

Unter den Preisträgern 2008 ist ein knappes Dutzend deutscher Unternehmen, darunter die Robert Bosch Hausgeräte GmbH. Ihr Produkt: ein innovativer Backofen namens „LiftMatic“. Er bietet unter anderem ein Aufzugsystem und einen Glaskeramikboden – und kann an die Wand   gehängt werden. „Das zeigt, dass auch etablierte Gerätekategorien durch neue Denkansätze wesentlich verbessert werden können“, lobt die Designpreis-Jury.

„Wir freuen uns sehr“, betont Volker Klodwig, Geschäftsführer der Firma Robert Bosch Hausgeräte, „vor allem, da es sich um einen Preis handelt, für den man sich nicht selbst bewerben kann: Mit dieser Auszeichnung wird unser positives Image weiter ausgebaut – und wir sind sicher, dass dies auf andere Produkte aus unserem Haus übertragen wird.“

Auch bei einigen anderen Preisträgern fällt nicht nur die gelungene äußere Form auf, sondern immer wieder auch die gute Idee im schönen Gewand. So bei der Rosenthal-Behälter-Serie „Shuttle“. Die Glasbehälter selbst sind funktionsneutral, erst die Aufsätze aus Porzellan oder Kunststoff machen sie zum Beispiel zum Salzstreuer, zum Milchkännchen oder zur Frischhalte-Box.

Bei dem BMW-Motorrad „G650Xcountry“ fiel der Jury das niedrige Gewicht angenehm auf – vor allem aber das gestalterische Gesamtkonzept: „Es besticht durch Reduktion auf das Wesentliche, verspricht dadurch auch Langlebigkeit.“

Neuer Erfolg für BMW

BMW fährt damit zum dritten Mal in Folge einen Erfolg ein: 2006 gab es den Preis der Preise für das 6er-Coupé, 2007 fürs Fahrrad „Cruise Bike“.

Das Rad neu erfinden kann man kaum, wenn es um ganz normales Besteck geht. Doch auch Perfektion fällt auf: Mit „Nomos“ ist WMF laut Jury ein Entwurf gelungen, „der in Materialstärke, Oberflächenbearbeitung, ..., Kompatibilität und Gesamtform beispielhaft ist“.

Es gibt auch einen Preisträger, auf dessen Benutzung man lieber verzichtet: Die Knie-Or-these „Genu Arexa“ von Otto Bock Health Care. So eine Stütze wird zum Beispiel bei Kreuzband-Verletzungen benötigt. Nun hat ein Star-Designer dem orthopädischen Hilfsmittel ein sportlich-modernes Aussehen verpasst.

Der kleinste Träger des großen Preises

Ein kleines Metall-Produkt aus Garbsen bei Hannover bringt Experten gleich reihenweise zum Schwärmen: Eine „Revolution der Befestigungstechnik“ sei in Sicht. Auch die Herzen der Designpreis-Jury hat das gute Stück im Sturm erobert: eine geteilte Schraubenmutter namens „TwinNut“.

„Jeder kennt die Situation, dass eine Schraube eigentlich viel zu lang ist und die Mutter langwierig aufgedreht werden muss“, erklärt die Jury. „Oder, dass Teile der Gewindegänge defekt sind.“ Alles kein Problem für die TwinNut: Ihre Hälften werden an beliebiger Stelle ums Gewinde gelegt. Beim Drehen verschwenken die beiden Teile und halten sich dann gegenseitig fest.

„Eine ungeheuer praktische und zeitsparende Lösung“, lobt die Jury. „Die Festigkeit herkömmlicher Schraubenmuttern wird ohne Probleme erreicht“, betont Erfinder Dietmar Schnier.  Die Serienproduktion soll in Kürze beginnen. 

Interview: „Aussehen schlägt alle anderen Faktoren“

Deutsche Stärke: Klarheit der Form

Warum kaufen wir ein Auto? Weil es uns gefällt! Gutes Design ist entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg, wie Andrej Kupetz erklärt. Er ist seit 1999 Chef des Rates für Formgebung.

AKTIV: Design – ist das mehr als nur modischer Schnickschnack? Wofür brauchen wir es überhaupt?

Kupetz: Um unsere Produkte besser verkaufen zu können! Die Automobil-Industrie in Deutschland hat das verstanden. Denn Studien haben ihr gezeigt, dass die Entscheidung zum Kauf  vor allem über das Design getroffen wird. Es schlägt alle anderen Faktoren. Man kann das durchaus verallgemeinern – der Kunde fragt sich unbewusst immer: „Passt das Produkt zu mir?“ Und da entscheidet das Aussehen.

AKTIV: Im Branchen-Kalauer „Design oder nicht sein“ steckt also eine tiefere Wahrheit?

Kupetz: Ich würde sagen: Der Spruch stimmt. Es gibt heute so viele technisch vergleichbare Produkte – wenn Sie vor einem Regal mit 50 Bügeleisen stehen, kann die Differenzierung eigentlich nur noch über den Preis erfolgen – oder eben über das Design. Und dann landen Sie zum Beispiel bei Braun oder bei Rowenta.

AKTIV: Kann sich der Mittelstand Design denn leisten?

Kupetz: Er kann – und er muss es sich leisten. Viele unserer Mittelständler sind Weltmarktführer, weil sie ein eigenständiges Design haben – nehmen Sie als Beispiel die Bestecke der Solinger Metall-Manufakturen. Entscheidend ist, dass das Design rechtzeitig in die Produktentwicklung integriert und nicht nur am Ende auf ein technisch fertiges Produkt aufgepfropft wird.

AKTIV: Was zeichnet deutsches Design aus, was ist typisch?

Kupetz:Nach wie vor: Die Klarheit in der Form. Deutsches Design ist sehr funktionell, hat eine reduzierte Formensprache. Das kommt  international an. Der iPod, also der MP3-Player von Apple, orientiert sich an Produkten von Braun aus den 60er-Jahren – das hat der Designer auch offen eingeräumt.

AKTIV: Findet der „Designpreis der Bundesrepublik“ entsprechendes Echo im Ausland?

Kupetz:Er wird international sehr stark beachtet. Denn das Verfahren stellt hohe Hürden auf, und nur ein Bruchteil der nominierten Produkte wird ausgezeichnet.

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