Leitartikel

Der Vereinbarkeitswahnsinn

AKTIV-Chefredakteur Ulrich von Lampe. Foto: Roth

Just in time – das ist die Latte, nach der sich Betriebe strecken. Exakt zur rechten Zeit muss das Material raus zum Kunden, damit der seinerseits verlässlich fertigen kann. Die Einbindung in Wertschöpfungsketten, oft globale, ist existenziell für die deutsche Industrie und die vielen industrienahen Dienstleister.

Aber es gibt da ein Problem: Das Prinzip von just in time wird jetzt auf das Privatleben übertragen. Die Wirtschaft soll nicht mehr nur punktgenau ihre Leistungen bereitstellen – sondern auch ihre Nachfrage nach Arbeitskraft.

Es gibt Nachwuchs? Oma braucht Hilfe? Wir wollen uns bilden oder einfach mal raus? Da klicken wir auf die Arbeitsplatz-App, laden uns eine Auszeit runter und schieben den Stundenzahl-Regler ein wenig nach links. So ungefähr läuft die Debatte, und es ist nie genug. „Inakzeptabel“ findet es der Gewerkschaftsbund, dass die „staatliche Unterstützung“ durch Elternzeit nicht in allen Details für Mitarbeiter von Kleinstbetrieben gilt.

„Staatliche Unterstützung“? Es geht um den Rechtsanspruch von Eltern, jobmäßig kürzerzutreten. Und es ist die Firma, die Ersatz organisieren muss!

Klar, Vereinbarkeit von Job und Familie ist wichtig. Aber eine Politik, die das will, müsste auch den Betrieben mehr Spielräume geben: bei Minijobs, Befristungen und Zeitarbeit. Damit sie die Just-in-time-Fertigung trotzdem hinkriegen.

Das ist nicht die Welt dieser Bundesregierung. Sie belehrt die Firmen lieber in einer Info-Broschüre, wie man als „väterfreundliches Unternehmen“ die Zukunft gewinnt: „Entwickeln Sie Modelle wie Väterbeauftragte oder Väternetzwerke. Und legen Sie Umgangsregeln fest. Zum Beispiel keine Präsenz an Freitagen.“


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