Energie

Der Streit ums Gas


Damit unsere Industrie auch künftig verlässlich Strom bekommt, muss eine weitere große Pipeline her

Die Zukunft der deutschen Energieversorgung steht in Irsching bei Ingolstadt. Letzten Monat übergab der Kraftwerk-Bauer Siemens die größte und wirkungsvollste Gas-Turbine der Welt an den Strom-Konzern Eon. Sie liefert halb so viel Strom wie ein Atommeiler – und verwandelt 61 Prozent der eingesetzten Energie in Strom. So etwas sei „für die Stabilität im Stromnetz ganz entscheidend“, urteilt Michael Süß, Chef des Siemens-Sektors Energy: Weil jetzt „immer mehr Wind- und Solaranlagen den Anteil fluktuierender Einspeisung stetig erhöhen“.

Denn die richten sich nicht nach dem Bedarf der großen industriellen Verbraucher, ein windarmer Tag mit Wolken wird zum Problem. „Wenn wir nun schneller aus der Kernenergie aussteigen“, sagt auch Kanzlerin Angela Merkel, „brauchen wir Ersatzkraftwerke, vornehmlich Gaskraftwerke.“ Sie können anders als Kohlemeiler ratzfatz von 0 auf 100 Prozent hochfahren.

Es gibt nur ein Problem: Wo soll das viele Gas herkommen?

Iran, Irak und Ägypten

96 Milliarden Kubikmeter haben die Deutschen letztes Jahr verbraucht, davon nur 15 Prozent aus eigenen Vorkommen. Größter Lieferant ist der russische Staatskonzern Gazprom, der ein Viertel aller weltweit bekannten Erdgas-Reserven sein eigen nennt. Aus den Weiten Sibiriens und des Kaukasus kann er den steigenden Bedarf Europas befriedigen – sofern Russland ein verlässlicher Partner bleibt. Und: sofern es genug Pipeline-Kapazität gibt.

Die bisherigen Rohrleitungen, die „Transgas-“ und der „Jamal“-Pipeline, reichen bald nicht mehr. Auch die „Ostsee-Pipeline“, deren erster von zwei Strängen im Herbst 2011 in Betrieb gehen soll, löst nur einen Teil des Problems.

Deswegen verfolgt die EU seit zwei Jahren ein neues Projekt: „Nabucco“ heißt der 3.300 Kilometer lange Strang, der Gas aus den ehemaligen Sowjetrepubliken Georgien, Usbekistan, Kasachstan und Aserbaidschan nach Zentraleuropa liefern soll. Möglicherweise sollen über Nabucco am Ende auch der Iran, der Irak und Ägypten einspeisen.

Doch Nabucco, von Brüssel als eines der fünf wichtigsten Energie-Projekte Europas eingestuft, steht jetzt auf der Kippe. Bislang kaufte allein Gazprom das Gas der Ex-Sowjetrepubliken – und dank langfristiger Lieferverträge relativ billig. Angesichts der drohenden Konkurrenz konzipierte das Unternehmen eine Alternativ-Pipeline: „South Stream“, die ebenfalls Gas über den Balkan nach Europa liefern soll. Und man hat zusehens die Nase vorn.

„Vertrauensvoll mit Gazprom“

EU-Kommissar Günther Oettinger musste im Mai zugeben: Das auf 8 Milliarden Euro taxierte Nabucco-Projekt wird wohl fast doppelt so teuer. Zudem erweisen sich potenzielle Lieferanten als Wackel-Kandidaten – sie haben einen Teil ihrer Reserven vorab an Gazprom verkauft. Obendrein stellt die Türkei die Pipeline für den Fall infrage, dass ihr der EU-Beitritt langfristig verwehrt bleibt.

Inzwischen fürchtet die Wirtschaft, mit Nabucco vom Regen in die Traufe zu geraten: Statt mit Russland ließe man sich mit Potentaten aus Mittelasien ein, die die Versorgung nicht garantieren können. Für beide Projekte reicht das Gas nicht aus.

Als erstes großes Industrie-Unternehmen legte sich jetzt der Chemie-Konzern BASF offen auf South Stream fest. Er investiert bis zu 3 Milliarden Euro in das Projekt. BASF-Chef Kurt Bock vertritt die Entscheidung offensiv: „Wir arbeiten seit fast zwei Jahrzehnten vertrauensvoll mit Gazprom zusammen. South Stream ist sehr attraktiv, es wird zudem von Leuten betrieben, die tatsächlich Gasreserven haben.“

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