Stahlindustrie

Der Pott kocht wieder


Erstaunlicher Boom nach Jahrzehnten des Niedergangs – wie lange hält er?

Dortmund/Duisburg. Dieser Ort zieht ihn an wie ein Magnet, und er macht ihn traurig, immer wieder aufs Neue. Franz Wiorek steht am Bauzaun in Dortmund-Hörde und fotografiert seine Vergangenheit. Das, was übrig ist vom Stahlwerk „Phoenix“.

Viel ist es nicht. Wo bis vor zehn Jahren die Schlote rauchten, rutschen jetzt Bagger durch eine Mondlandschaft aus braunem Schlamm, so groß wie 300 Fußballplätze.  „Fast alle  Anlagen  sind  weg, abgebaut und nach China verschifft“, sagt Wiorek (72). Das schmerzt. Kein Wunder. Nach 30 Jahren Schicht als Maschinist im Phoenix-Werk.

Deutsche Hochöfen sind ausgelastet

Und doch erscheint die Wehmut des Rentners Wiorek in diesen Tagen fast wie ein Treppenwitz der Geschichte. Denn die Branche ist wieder da. „Wir werden uns 2008 wieder an der effektiven Vollauslastung bewegen“, berichtet Dieter Ameling, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl.

Jahrzehntelang ging es abwärts – mit dem Abbau von einem Drittel der Produktionskapazität und Hunderttausenden verlorener Jobs. Doch jetzt bringt die weltweite Nachfrage nach Hartmetall die verbliebenen 15 Hochöfen und die weiterverarbeitenden Betriebe auf Hochtouren. Und macht möglich, wovon lange Zeit nicht mal kühnste Optimisten träumten: den Neubau eines weiteren, 16. Hochofens, in Duisburg.

Dort sitzt Karl-Ulrich Köhler vor einem Wald aus Kameras. Köhler ist Vorstandschef der ThyssenKrupp Steel AG. Er wirkt aufgeräumt an diesem Wintermorgen – und er hat allen Grund dazu. Ein paar Wochen zuvor hat sein Unternehmen im Duisburger Werk den „Hochofen 8“ in Betrieb genommen, nun ist hier, im feierlich erleuchteten Saal des werkeigenen Ausbildungszentrums, die Einweihung.

Stolz verkündet Köhler die Eckdaten: 250 Millionen Euro teuer, 0 Cent Subventionen, 5.600 Tonnen Roheisen unter Volllast – pro Tag!

Hochofen 8 ist Teil eines 340 Millionen Euro schweren Infrastruktur-Programms für den traditionsreichen Standort. Der Vorstandschef spricht von „Stabilisierung der Roheisen-Basis“. Und davon, „dass es sich auch nach 116 Jahren noch lohnt, in Deutschland Stahl zu kochen“. Am 17. Dezember 1891 floss in Duisburg-Bruckhausen der erste Stahl aus dem „Hochofen 3“ von August Thyssen in die Pfanne.

Eifriges Mitschreiben der Presse-Meute, als Köhler dann endlich über Jobs spricht: „Wir sichern mit dem Neubau 1.200 direkte und weitere 3.600 indirekte Arbeitsplätze in der Region.“

Es sind Sätze wie dieser, die auch Manfred Buchholz runtergehen wie Öl. Der 48-jährige Thyssen-Mann steht am Fuße des neuen Hochofens, ein paar Meter weiter probt eine Dixieland-Band für die Einweihungsparty am Abend. Ein Trupp Stahlarbeiter in grauen Overalls beobachtet die Szenerie rauchend, „wat’n Affenzirkus hier“, witzelt einer, die anderen lachen.

Doch Buchholz sagt: „Ein neuer Hochofen hier bei uns, damit hab ich nicht mehr gerechnet – und ich bin schon bald 30 Jahre hier.“

Streik und Klimapläne machen Kummer

Als Betriebsleiter Instandhaltung hat Buchholz mitgebaut am neuen Hochofen. „Zukunftsweisend“ sei der: „Unsere Jobs sind jetzt endlich wieder  sicherer  hier.“

Ganz sicher ist nichts – das hat die Branche schmerzlich erlebt. Und mitten im Boom sieht sie neue Wolken am Horizont aufziehen. Die kommen aus Brüssel: Wegen der EU-Klimaschutzpläne, die das Verfeuern fossiler Energien weiter verteuern dürften, sieht die deutsche Stahl-Branche die Gefahr, dass sich Investitionen langfristig nicht rechnen.

Sie fürchtet angesichts aggressiver Konkurrenz, etwa aus China, um ihre Wettbewerbsfähigkeit. Der EU-Klimaschutz sei ein Bärendienst am Klima, findet Hans-Jürgen Schulokat, Bauleiter des neuen Hochofens 8: „Allein die Umweltschutz-Anlagen hier haben 80 Millionen Euro gekostet –  das geben die in China nicht aus.“

Zurück in Dortmund: Phoenix-Veteran Franz Wiorek hat  genug gesehen, Gattin Margret drängt zum Aufbruch. Zu Hause wird er die neuen Fotos zu den anderen packen, ein paar Motive dann in Aquarell malen. „Damit keiner vergisst, was hier mal war“, sagt er.

Die Stadt Dortmund will auf dem ehemaligen Werkgelände Jobs in Zukunftsbranchen schaffen, dazu schicke Wohnanlagen, sogar ein Stausee soll angelegt werden.

An die alte Stahl-Zeit wird  nur noch das rostige Gerippe des alten Hochofens erinnern. Den wollen sie erhalten. „Als Denkmal“, sagt Wiorek bitter. Nichts ist für die Ewigkeit. 

Stahl-Produktion

Auf gut 1,3 Milliarden Tonnen belief sich letztes Jahr die weltweite Rohstahl-Produktion. Zum Vergleich: 1990 waren es nur 775 Millionen Tonnen. Angesichts der Stahl-Nachfrage aus Schwellenländern wie China sagen Experten bis zum Jahr 2015 einen  Produktionsanstieg  auf 1,7 Milliarden Tonnen voraus.

Deutschland ist mit 16 Hochöfen und 49 Millionen Tonnen Rohlstahl der siebtgrößte Produzent. Die gesamte Eisen- und Stahl-Industrie beschäftigt in 100 Firmen 90.000 Mitarbeiter.

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