Reportage

Der Polen-Express


Szenen einer Fahrt ins Wirtschafts-Wunderland

Berlin/Warschau. Der Zug ist noch keinen Meter gefahren, schon motzt der Deutsche. „Gucken Sie“, bellt der rotgesichtige Fahrgast im Berlin-Warschau-Express und tippt auf sein schweißnasses Oberhemd. „Keine Klima-Anlage hier“, Sauerei sei das, und überhaupt, wo bleibe der Schaffner, „man muss sich doch beschweren!“

Waldemar Maniscewski, des Motzkis Gegenüber am Plastiktisch im Bordbistro, nickt höflich. Als der Deutsche weiterzieht, nimmt Maniscewski (55), einen Schluck aus seiner Dose. „Das ist der Unterschied zwischen  Deutschen und uns Polen“, sagt er dann. „Ihr kriegt sofort die Krise. Wir trinken erst mal ein Bier.“  

Vom Bauzeichner zum Masseur

Polen also. Nicht lange her, da galt unser östlicher Nachbar hierzulande vielen bestenfalls als Heimat von Papst und Solidarnosc. Wer es weniger gut meinte, der dachte gleich an die Auto-Mafia.

Man sollte umdenken. Still und leise nämlich hat sich Polen zum ökonomischen Musterknaben emporgeackert. Als einziges EU-Land konnte Polen letztes Jahr mit einem Wirtschaftswachstum von

1,8 Prozent der globalen Krise trotzen. Von Januar bis März 2010 kletterte das Bruttoinlandsprodukt gar um über 3 Prozent – so gut war kein anderes Land Europas. Dabei galt Polen im EU-Beitrittsjahr 2004 als Sorgenkind.

Wie schafft man das? Mit Lockerheit allein sicher nicht, das weiß auch Maniscewski, der Pilstrinker aus dem Zugbistro. Draußen vor dem Abteilfenster ziehen mittlerweile endlose polnische Kiefernwälder vorbei, drinnen redet Maniscewski über die Gründe polnischer Krisenfestigkeit: „Vielleicht ist es unsere Flexibilität.“

Wer in Polen seinen Job verliere, der sattele sofort um, „auch wenn man etwas ganz anderes anfangen muss“. Er weiß, wovon er spricht: Nach Jahrzehnten als Bauzeichner sah Maniscewski vor zwei Jahren in seinem Job kaum noch Zukunft. „Die Aufträge wurden weniger, also hab ich geguckt, wo neue Chancen warten.“

Jetzt arbeitet er – als Masseur. „Die Menschen werden doch immer älter, das ist ein neuer Markt. So muss man eben heute denken.“

Banken und Binnenmarkt stabil

Polnischer Pragmatismus – vielleicht auch ein Grund dafür, warum das Land zwischen Oder und Weichsel bei ausländischen Unternehmen immer beliebter wird. Laut einer aktuellen Umfrage der deutsch-polnischen Handelskammer kürten deutsche Firmen Polen zuletzt mit Abstand zum beliebtesten Investitionsziel Mittel- und Osteuropas. Und nach Angaben des polnischen Statistikamts investierten ausländische Firmen von Januar bis März 3,5 Milliarden Euro in Polen. Mehr als doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum.

Solches Engagement schafft Jobs. Wie den von Jakub Marciszewski. Der 30-Jährige lehnt am Fenster im Gang des Zuges und knabbert Sesamstangen. In Rzepin ist er eingestiegen, zuvor hat er dort seinen Lkw mit Granulat für die Chemie-Industrie entladen.

Wegen der Lenkzeiten geht es per Zug zurück nach Kutno, „da achtet der Chef drauf“.

Seit vier Monaten macht er den Job, seit eine holländische Spedition im Ort eine Filiale eröffnete. „Ich verdiene ordentlich, 1.500 Euro, damit kannst du was anfangen in Polen“, sagt er. Zuvor war er arbeitslos, ab und an ging es für Jobs ins Ausland. „Das ist jetzt vorbei.“ Seine Frau freue das, neue Möbel habe man sich angeschafft, „wenn du arbeitest, darfst du dir auch was leisten“, findet Marciszewski.

So wie er denken viele: Trotz globaler Krise konsumierten die 38 Millionen Polen fröhlich weiter. Polens Heimatmarkt, mit 38 Millionen Teilnehmern der sechstgrößte der EU, erwies sich damit ebenso als Stabilitätsgarant wie das robuste Bankensystem. Weil das zu großen Teilen in ausländischer Hand ist, wurden riskante Deals woanders getätigt. Nicht in Warschau. Ein Glücksfall.

Neue Straßen für die Fußball-EM 2012

Es ist dunkel geworden, längst hat der Zug Poznan passiert, viele Wochenendpendler sind nicht mehr an Bord. Agatha Grzebielucha (20), wird noch bis Warschau weiterfahren. „Unser Land boomt“, sagt die Studentin. Überall neue Gebäude,  für die Fußball-EM bringe man jetzt die maroden Straßen auf Vordermann, „du siehst  überall, dass sich was bewegt.“

Gerade die Jungen profitierten von der Entwicklung. „Wir müssen nicht mehr ins Ausland gehen, wenn wir was werden wollen. Unsere Aussichten sind gut!“, sagt Grzebielucha, bevor sie ihre Tasche greift – Warschau Hauptbahnhof.

Gute Aussichten für Polen: Dazu passt die Prognose des renommierten „Zentrums für Europäische Politik-Studien“ in Brüssel. Bis 2040, so glauben die Forscher dort, werde Polens Wirtschaft die deutsche  überholen.

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