In der Grauzone

Der Kampf ums Glück


Die Politik will private Wettspiele erleichtern – und zugleich vor Sucht schützen

 

 

Die würfelwütigen Germanen, die Haus und Hof verspielen, beschäftigten schon vor 2.000 Jahren den römischen Geschichtsschreiber Tacitus. Im heutigen Deutschland wird nicht nur brav Lotto gespielt, sondern millionenfach bei privaten Firmen auf Fußball & Co. gewettet – obwohl das eigentlich verboten ist. Das wird kaum geahndet, seit letztes Jahr EU-Richter auf Marktöffnung drängten. Jetzt pokern Politik und Anbieter darum, wer künftig was wie darf.

 

 

 

Berlin. Die Tür zum „totobet.de“ in der Badstraße in Berlin-Wedding steht offen. Ein herbstkalter Abend, Fußballabend, Champions-League. Da wollen viele rein und raus, und irgendwohin muss auch der Zigarettenrauch entweichen. An der Wand hängen 15 Bildschirme mit Livebildern – und den Quoten.

 

 

 

Wer 1 Euro auf den Sieg von Bayern München gegen Neapel setzt, kann 1,25 Euro herausbekommen. Wer auf das erste Tor ab der 31. Minute wettet, dem winken 2,06 Euro. Neulich brachte eine Kombi-Wette in der zweiten norwegischen Liga 1.860,40 Euro Gewinn. Der Beleg hängt an der Pinnwand, als Köder.

 

 

 

Schleswig-Holsteins Alleingang

 

 

 

Eigentlich dürfte es Läden wie „totobet.de“, ein aus Österreich betriebenes Franchise-System mit 200 Shops, gar nicht geben. Denn offiziell ist der Staat in Deutschland immer noch der einzige Anbieter von Sportwetten. Doch das wird munter unterlaufen, in ganz Deutschland. Der Mann hinterm Tresen sagt findig: „Wir sind nicht legal, aber auch nicht illegal.“ Klingt kurios. Beschreibt aber gut den Zustand.

 

 

 

Die Behörden schauen weg, seit der Europäische Gerichtshof 2010 das Glücksspiel-­Monopol in Deutschland für rechtswidrig erklärte. Er rügte, dass der Staat seinen Hoheitsanspruch mit der Bekämpfung von Spielsucht herleitet, aber für seine eigenen Lotterien Werbung zulässt und die Regeln für Spielautomaten sogar noch lockert.

 

 

 

Jetzt reagiert die Politik. „Deutschland springt in die richtige Richtung, wird aber zu kurz landen“, sagt Ingo Fiedler, Glücksspielforscher an der Uni Hamburg. Der Staat findet keine Linie. Und die privaten Wett-Anbieter beherrschen das Pokern offenbar auch im richtigen Leben.

 

 

 

Es fing damit an, dass Schleswig-Holstein vorpreschte. Motto: Das Zocken lässt sich am besten kontrollieren, wenn wir sowohl die Sportwetten in Shops und online als auch das ebenfalls boomende Internet-Poker über staatliche Lizenzen steuern. Aber das Gesetz geriet sehr anbieterfreundlich – durch lasche Auflagen und eine niedrige Steuer von 20 Prozent auf den Rohertrag, also Einsätze minus Ausschüttungen. Zum Vergleich: Das staatliche Lotto zahlt 17 Prozent

 

 

 

Steuern auf den gesamten Umsatz.

 

 

 

Die 15 anderen Bundesländer bockten. Sie legten Ende Oktober ihren Plan für einen neuen Glücksspiel-Staatsvertrag vor: Ab 2012 soll es Lizenzen geben, aber nur 20 – und nur für Sportwetten. Dort soll eine Umsatzsteuer von 5 Prozent eingeführt werden und ein strikter Spielerschutz, etwa mit Einsatz-Limits.

 

 

 

 

 

 

 

Glücksspiel-Ökonom Fiedler empfiehlt: „Eine kluge Reform orientiert sich am Suchtpotenzial der einzelnen Spiele.“ Da hapert es: Der Staatsvertrag der 15 geht den Wildwuchs nur in einem Bereich an – und es ist fraglich, ob er dort wirklich Ordnung schafft. „Ich kann mir kaum vorstellen, dass es sich für Internet-Anbieter lohnt, unter diesen restriktiven Bedingungen eine Lizenz zu beantragen“, stellt Peter Reinhardt klar, Deutschland-Chef von Betfair. Die in London ansässige Firma bietet weltweit in großem Stil Online-Sportwetten und Online-Poker an.

 

 

 

Mehr Tempo in Spielhallen

 

 

 

Nach dem „So-geht’s-nicht-weiter“-Urteil der Europa-Richter, so gibt Reinhardt im Gespräch mit AKTIV zu verstehen, fühlt sich Betfair auch ohne Lizenz auf der sicheren Seite. „Der geplante Staatsvertrag setzt das Urteil nur unzureichend um. Wir fühlen uns da juristisch gut aufgestellt.“

 

 

 

Die Zahl von nur 20 Lizenzen hält Reinhardt für „willkürlich“, die Umsatzsteuer von 5 Prozent sei angesichts der bei Online-Wetten geringen Margen „ruinös“. Zudem moniert er, dass zur Spielsucht-Bekämpfung nur Sportwetten mit strengen Auflagen überzogen werden sollen, die Automaten in Spielhallen und Gaststätten aber wie bisher weiterlaufen.

 

 

 

„Das ist, als wenn der Staat den Bierverkauf streng kontrolliert, aber harte Drogen freigibt“, sagt Reinhardt. Laut Forschungsstelle Glücksspiel der Uni Hohenheim sind von den bundesweit rund 200.000 „pathologischen Spielern“ etwa 80 Prozent den Geldspielautomaten verfallen. Über die Regeln in Spielhallen bestimmt der Bund. Er ließ 2006 sogar ein höheres Spieltempo an den Geräten zu, was das Sucht-Risiko steigert.

 

 

 

Der Traum von 30.000 Euro

 

 

 

So ist man vom großen Wurf noch ein Stück entfernt, manches bleibt vorerst halblegal. Und bei „totobet.de“ in der Badstraße geht der Fußball-Abend unspektakulär zu Ende: Bayern und die anderen Favoriten siegen, da ist auch mit Kombi-Wetten nicht viel zu holen. Bis zu 30.000 Euro kann man hier gewinnen, sagt der Mann hinter dem Tresen. „Aber da müssen Sie uns zwei Tage Zeit geben, das Geld zu beschaffen.“

 

 

 

Dirk Horstkötter

 

 

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