Stress, Burnout & Co.

„Der Job ist meist nicht das Problem“ – eine Praktikerin erklärt, warum Mitarbeiter Hilfe suchen


Köln. Rund 60 Millionen Tage pro Jahr fehlen Deutschlands Arbeitnehmer aus psychischen Gründen. Das beklagte kürzlich Arbeitsministerin Ursula von der Leyen bei der Vorstellung ihres „Stressreports“. Sie nahm auch die Betriebe in die Mitverantwortung.

Wie ist das mit dem Burnout, was kann man dagegen tun?
AKTIV sprach mit der Diplom-Psychologin Karin Clemens. Sie leitet die Kölner Firma Human Protect, die mit 55 festen und freien Psychologen und Therapeuten unter anderem für Betriebe mit insgesamt 17.000 Beschäftigten im Einsatz ist – und im Notfall anonym berät.

Die Zahl der Ausfalltage aus psychischen Gründen steigt seit Jahren an – wie kommt’s?
Zum einen hat sich das Belastungserleben verändert: Früher war die Psyche tabu, heute ist es gesellschaftsfähig, darüber zu reden. Zum anderen wird jetzt schneller dia­gnostiziert, die Ärzte sind sensibler für das Thema. Dass wir tatsächlich mehr psychisch Kranke haben, darauf gibt es in der Forschung bis jetzt keine gesicherten Hinweise.

„Sehr häufig spielt das private Umfeld mit hinein. Immer wichtiger wird das Problem der Pflege“

Dass die Arbeitswelt sich vielerorts schneller dreht, ist ja klar. Wie spiegelt sich das in Ihrer Beratungspraxis wider?
Das ist natürlich oft ein Aspekt – wir werden schließlich von Betrieben bezahlt, deren Mitarbeiter sich bei uns melden können. Aber der Job als solcher ist meist nicht das Problem. Die spannende Frage ist doch, warum der eine selbst einen relativ monotonen Job unbeschadet übersteht und der andere nicht.

Was sind denn die häufigsten Ursachen für Anrufe bei Ihnen?
In erster Linie klassische psychologische Symptome: Ängste, Panik­attacken, depressive Verstimmungen, Süchte. Und an zweiter Stelle Überforderung: „Ich fühle mich wie ausgelutscht.“ Es ist bunt gemischt, was da zusammenkommen kann – der Beruf spielt mit hinein, aber auch sehr häufig das private Umfeld. Immer wichtiger wird das Problem der Pflege von Angehörigen.

Und Beziehungsprobleme?
Die sehen wir bei uns auf Platz drei, das ist oft hochdramatisch und häufig schambehaftet. Erst als vierte Kategorie, aber mit deutlichem Abstand, kommen dann echte Konflikte am Arbeitsplatz, zum Beispiel mit einem neuen Vorgesetzten oder neuen Kollegen.

Die Gewerkschaften rufen ja jetzt nach einer Anti-Stress-Verordnung für die Betriebe …
Das geht nach unserer Erfahrung in die falsche Richtung. Man kann Stress nicht teilen: Die Belastung ist immer im Zusammenhang zu sehen zwischen dem Individuum und seinem gesamten Umfeld. Und die psychische Gefährdungsbeurteilung ist ja längst im Arbeitsschutzgesetz verankert. Wie man da rangeht, ist bewusst offengehalten – weil jeder Betrieb anders ist. Es gibt da Dienstleister, die pauschal alle Arbeitnehmer auf Stressfaktoren persönlich untersuchen wollen. Das halte ich für Quatsch.

Die Debatte um „Burnout im Job“ greift also zu kurz?
Schon das Wort, Ausgebranntsein, ist unglücklich. Burnout ist keine Krankheit, sondern ein Risikozustand. Am Ende können Depressionen stehen oder psychosomatische Erkrankungen. Aber erst mal ist dieser Zustand ergebnisoffen.

Wann soll man Hilfe suchen?
Wenn man unter bestimmten Situationen und Beschwerden ernstlich leidet. Wir reden hier nicht von der Montagsmorgen-Dysbalance oder ein, zwei Wochen mit leichten Schlafstörungen. Ernst wird es bei andauernden körperlichen Leiden ohne organischen Befund, wo der Arzt also nichts findet. Bei Totalrückzug im sozialen Bereich. Oder bei tiefer Niedergeschlagenheit.

Und dann?
Mit Unterstützung lässt sich im Frühstadium oft relativ schnell der Weg aus der Spirale schaffen. Bei Problemen mit dem Hund hilft die Hundeschule, bei Erziehungsproblemen die pädagogische Beratung – und bei Burnout ist eine psychologische Erste Hilfe sinnvoll. Wir sind da ja nicht die Einzigen auf dem Markt.

Kann sich der 20-Mann-Betrieb im Schwarzwald denn so eine Beratungshotline leisten?
Wir berechnen pro Mitarbeiter und Jahr etwa 20 Euro. Das rechnet sich, wenn so die eine oder andere psychische Erkrankung und langfristige Ausfälle verhindert werden.

„Hilfreich ist es, gut auf sich zu achten: Vernünftige Ernährung, Bewegung, die Check-ups“

Wie viele Anrufer bringen Sie wieder in die Spur – und wie lange dauert das?
Aus den Betrieben, die uns engagiert haben, ruft etwa jeder 40. Mitarbeiter bei uns an. Und da ist wirklich keiner dabei, der nur Kaffeeklatsch halten will. 20 Prozent der Anrufer müssen wir recht schnell in eine Therapie vermitteln. Aber 80 Prozent können wir mit unserer lösungsorientierten Beratung aufrichten – in der Regel mit fünf Stunden, im Einzelfall mehr. Wir helfen, die eigenen Ressourcen zu aktivieren. Jeder ist Experte seines Lebens. Das ist der Grundtenor.

Und was machen die richtig, die nicht anrufen?
Zunächst sind sie in einer Situation, die auf sie passt. Das ist oft Glück und kein Verdienst. Hilfreich ist es aber, gut auf sich zu achten: vernünftige Ernährung, Bewegung, die medizinischen Check-ups. Man muss aufpassen, dass man sich genug Zeit für das eigene soziale Netzwerk nimmt. Und wichtig ist ein Wechsel von Anspannung und Entspannung. Nie Stress, keine Anspannung zu haben, ist auch nicht gut.

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