Zeitgeschichte

Das Teesieb im Sozialismus


Verlustobjekt Teesieb: Für 98 Pfennig gefertigt – und für viel weniger verkauft.

Wenn Preise in die Irre führen: Eine AKTIV-Reportage aus der real existierenden Planwirtschaft

Potsdam. Ein Pfennigartikel in der Auslage eines kleinen Haushaltwarenladens in Potsdam: Ein simples Teesieb. AKTIV hat den Weg dieses Allerweltsprodukts in der sozialistischen Wirtschaft zurückverfolgt, vom Einzelhändler über den „Großhandel“ bis hin zum Hersteller. Was dabei herauskam, ist ein Lehrbeispiel dafür, warum PIanwirtschaft niemals funktionieren kann.

Ein Sieb. Sechs Zentimeter Durchmesser. Weißblech. „40 Pfennig, bitte!“, verlangt die Verkäuferin. 40 Pfennig der DDR. Die Staatsbank wechselt das Geld 1:3 um, macht 13,3 Pfennig West. Der Einheitspreis für die gesamte DDR.

Wie, um alles in der Welt, kann man ein Sieb zu diesem Spottpreis abgeben? Im Westen geht das Sieb nicht unter 2 D-Mark über den Ladentisch. Die DDR – ein Wirtschaftswunder? Nein, eine Wirtschaft zum Wundern. Denn das 40-Pfennig-Rätsel ist ein Preis-Rätsel der besonderen Art: Am Ende gibt es nur Verlierer. Und einen kaputten Staat.

„Das Sieb?“, schüttelt Anneliese Rüffert (65) den Kopf. „Das Sieb hat bei uns seit Jahrzehnten den gleichen Preis!“

Frau Rüffert betreibt einen kleinen Laden im Zentrum von Potsdam. Gutenbergstraße 29, ein altes, verfallenes Haus. „Das Haus hat früher mir gehört“, erzählt die Kauffrau. Man sieht bei diesem Satz keine Wehmut in ihren Augen. Vor acht Jahren hat Frau Rüffert das Haus dem „Rat der Stadt“ geschenkt. Auch das war nur über Beziehungen möglich.

„Sie werden es nicht glauben: Aber mein Mann und ich haben uns betrunken vor Freude, als wir das Haus verschenken durften!“

Über dem Laden waren vier Wohnungen mit staatlich festgelegten Mieten. Von 17,50 Mark (ein Zimmer) bis 52 Mark (vier Zimmer) Monatsmiete. Alle Zimmer mit Bad und WC. Anneliese Rüffert: „Es geht nicht, mit diesen Einnahmen ein Haus zu erhalten. Einmal sollten wir einen Ofen setzen – für 700 Mark. Und wenn man etwas reparieren oder restaurieren wollte, bekam man kein Material.“

Heute verfällt das Haus immer mehr, nur eine Wohnung ist noch belegt. Frau Rüffert schließt die Augen, wenn sie durch den Innenhof gehen muss. Sie will die kahlen Ziegel, den Mauerschwamm, den Dreck im Hof nicht sehen. Sie schweigt und zahlt 190 Mark Monatsmiete für ihren Laden. Sie hält ihn sauber und gepflegt. Auch zum Andenken an den Vater, der das Geschäft seit 1910 führte.

Seine Tochter hat den Laden 1959 übernommen – und als private Geschäftsfrau in der DDR überlebt. „Ich hatte einen gut verdienenden Mann“, erklärt Frau Rüffert ihr Durchhaltevermögen. Heute bezieht er 470 Mark Rente im Monat. Zu wenig zum Überleben. Er geht wieder arbeiten. Und die Frau lässt halbtags – staatlich genehmigt – den Laden offen. Verkauft Kaffeetassen, Gießkannen, Bestecke und eben Siebe.

„Von diesem Sieb, das 40 Pfennig kostet, bleiben mir 7 Pfennig in der Kasse.“ Die Einzelhandelsspanne ist staatlich festgeschrieben, für jedes Produkt ein anderer Prozentsatz. An Sieben darf der EinzelhandeI 17 Prozent des „EVP“ („Endverbraucherpreis“) behalten. Macht 7 Pfennig pro 40-Pfennig-Sieb.

Davon muss Frau Rüffert eine Angestellte, Miete, Strom, Investitionen bezahlen. Und wenn sie 45 Pfennig verlangt? „Lande ich im Knast.“ Kontrolle ist jederzeit möglich: Auf jedem Produkt muss der EVP gekennzeichnet sein. Wenn man genau schaut, hat unser Sieb die Zahl 040 eingraviert – 40 Pfennig.

„Dazu kommt noch, dass es 40 bis 50 Prozent aller Artikel, die ich eigentlich führen müsste, nicht gibt“, seufzt die ältere Dame über den DDR-Alltag. „Zurzeit kann ich zum Beispiel keine Schneebesen bekommen, keine Kochtöpfe, keine Stielbratpfannen, keine Teebrühlöffel.“ Das alles ist Mangelware.

Erst gestern war Frau Rüffert „drüben“, in West-Berlin. ln vollen, übervollen Läden. Und konnte sich nichts leisten. „Ehrlich: Ich beneide jeden, der im Westen leben kann.“ Ihr Mann geht nicht mehr mit nach drüben. Er erträgt den Unterschied nicht.

Aber jetzt wird doch auch im Osten alles anders, besser?

„Ja. Wenn ich nur zehn Jahre jünger wäre!“

Frau Rüffert schließt ihr Geschäft. 13 Uhr. Sie geht nach Hause. Ihr Mann hat Zwiebelsuppe gekocht. Sie wird schweigend gelöffelt in der Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in der Brandenburger Straße. Die hieß vor wenigen Wochen noch Klement-Gottwald-Straße. Benannt nach einem tschechischen Ministerpräsidenten, einem Kommunisten und Stalinisten.

In Zeiten eines Václav Havel ist für Gottwald kein Straßenschild mehr frei. „Straßennamen ändern – das nennt man hier Reform und Wende!“, grollt Anneliese Rüffert. Sie wartet auf mehr.

* * *

Ralf Dannehl (35) ist Handelsbereichsleiter der Konsumgenossenschaft Potsdam. Er ist für 18 Verkaufsstellen im Bezirk Potsdam zuständig. Insgesamt hat die Konsumgenossenschaft Potsdam 131 Läden im Bezirk, beschäftigt 1.050 Mitarbeiter.

Herr Dannehl hat sein Büro in einer alten Baracke in Babelsberg, einem Stadtteil von Potsdam. Ein Taxifahrer, als er die Adresse hört: „Ah, da fahren Sie zu denen, die unser System kaputtgewirtschaftet haben.“

Herr Dannehl will das auch gar nicht abstreiten: „Irgendwas war falsch. Entweder ist das Pferd falsch gelaufen oder wir haben verkehrt auf dem Pferd gesessen.“

Zum 40-Pfennig-Sieb hat Herr Dannehl vor allem eines zu sagen: „Ein Irrsinn!“ Der Preis sei sicher vor 30 Jahren festgelegt worden, und die Preise mussten konstant bleiben. So einfach kann Irrsinn sein.

Woher kommt das Sieb? „Ich weiß es nicht. Wir kaufen das Sieb beim Großhandel ein, müssen dort einkaufen.“ Die GHG („Großhandelsgenossenschaft“) Haushaltswaren in Teltow versorgt den gesamten Bezirk Potsdam mit Haushaltsartikeln. Alle Läden im Bezirk sind von dieser Genossenschaft abhängig. Es gibt keine Konkurrenz, bei der man einkaufen könnte. Ein klassisches Monopol, jahrzehntelang. „Wir waren keine Kunden“, bemerkt Herr Dannehl. „Wir waren Bettler beim Großhandel.“

Bleiben wir beim Sieb. Die Konsumläden dürfen jedes halbe Jahr schätzen, wie viele Siebe sie das nächste halbe Jahr brauchen werden. Die Konsumgenossenschaft sammelt diese Daten und gibt sie an den Großhandel weiter. Der Großhandel wiederum bestellt die Ware beim Produzenten.

„Nee“, widerspricht Ingeborg Krug (54) dieser Darstellung. „Als Verbindungsstelle zwischen Großhandel und Herstellern gibt es das ZWK, das Zentrale Warenkontor. Dort werden die Produktionsströme festgelegt.“

Herr Dannehl, zustimmend und pointiert: „Die haben all das verwaltet, was nicht da war. Da haben sich zig Leute mit beschäftigt.“

Soll heißen: Wenn die notwendige Anzahl an Sieben nicht hergestellt werden konnte, legte das ZWK eine Quote fest, und jeder Laden bekam nur den entsprechenden Anteil. Wer 100 Siebe wollte, musste sich mit 70 Sieben begnügen.

Nachbestellung? Ein müdes Lächeln. Nicht einmal der herstellende Betrieb könnte Nachbestellungen erledigen, auch er bekommt nur für eine vorher festgelegte Menge Siebe genug Material. Planwirtschaft.

Frau Krug, die den „Basar“ leitet, einen großen Einkaufsladen in Potsdam, erinnert sich: „Einmal sind eine Menge Polen ins Land gekommen, haben Zahnbürsten gekauft. In der ganzen DDR gab es plötzlich keine Zahnbürsten mehr.“ Planwirtschaft.

Oder: Ein Betrieb stellt Spiegelschränke her. Zuerst weiße, dann braune, dann korallenfarbige. Laufend wird die Ware ausgeliefert. Du kaufst in der ersten Woche einen weißen Spiegelschrank und willst in der fünften Woche einen weißen Handtuchhalter? Pech! Momentan sind nur korallenfarbige auf dem Markt. Planwirtschaft.

Erinnern wir uns an Frau Rüffert und ihre Mangelware Stielbratpfannen. „Natürlich habe ich noch Stielbratpfannen. Drei Stück. Aber die hebe ich auf.“ Für den Fleischer, der einmal ein gutes Stück Fleisch übrig haben könnte. Oder für den Tapezierer, der einmal mit einer Tapete aushelfen könnte. Eine Hand wäscht die andere. Ein primitives Tauschgeschäft. Planwirtschaft.

* * *

Telefonat mit Herrn Mielke, Zentrales Warenkontor, Ostberlin.

„Herr Mielke, ich habe gehört, Sie verwalten den Mangel in der DDR?“ – „Ja, äh, das war ja unser System, wir haben Milliarden subventioniert. Aber wir machen auch anderes.“

„Was denn? Wissen Sie, es ist sehr schwer, nach einigen Stunden Gespräch das System zu durchschauen.“

„Wem sagen Sie das? Wir hatten 40 Jahre Zeit, das System kennenzulernen, und wir haben es auch nicht durchschaut.“

So weit Herr Mielke. Sein Amt befindet sich in Auflösung.

* * *

 

Der Sitz der GHG Teltow ist eine alte Baracke, ein ehemaliges Gebäude der braunen Wehrmacht. In den letzten 45 Jahren scheint hier nicht viel investiert worden zu sein.

Auch die Büromöbel im Zimmer von Walter Lorenz sind von vorgestern. Herr Lorenz ist immerhin Abteilungsleiter „Verkauf“ der Genossenschaft, die 1,1 Millionen Einwohner des Bezirks Potsdam mit Haushaltswaren zu versorgen hat.

Ein mächtiger Mann? Ein schmächtiger Mann.

Der Wandkalender im Büro informiert höchst aufschlussreich: 2.3.31 – M. Gorbatschow geboren. 14.3.83 – K. Marx gestorben. Doch hier, im Büro von Herrn Lorenz, scheint Marx sehr lebendig zu sein. Besonders, wenn Frau Kollegin Wittfoth das Zimmer betritt. Lorenz grüßt mit „Kollegin“, nicht mit „Genossin“. Es ist also doch auch Gorbatschow im Raum.

Renate Wittfoth nennt sich „Fachdirektor Einkauf“. Sie schließt mit den einzelnen Betrieben die Lieferverträge ab. Nicht ohne vorher mit dem ZWK gesprochen zu haben. Klar.

Das Sieb zu 40 Pfennig? Kollegin Wittfoth blättert in ihren Unterlagen. „Das beziehen wir vom VEB Metallwaren in Crottendorf im Erzgebirge.“

Der Preis? „Die Großhandelsspanne beträgt 10 Prozent.“ Insgesamt beträgt die Handelsspanne somit 27 Prozent. 4 Pfennig für den Großhandel, 7 Pfennig für den Einzelhandel. Bleiben 29 Pfennig für den Betrieb.

„Der Preis“, beginnt Kollegin Wittfoth ihren Vortrag, „wird durch staatliche Stellen festgelegt. Der Herstellungspreis ist sicher höher als der Verkaufspreis. Viele Waren werden bei uns subventioniert. Und: Erst wenn sich der Artikel ändert, wird auch der Preis neu berechnet.“

Siebe ändern sich nicht, daher bleibt der Preis seit Jahren gleich: „Dinge des täglichen Bedarfs werden gestützt. Ein Sieb gehört dazu“, erteilt die Kollegin eine Gratislektion in Planwirtschaft.

Warum kosten die Jeans dann in der DDR 180 Mark, obwohl man durchschnittlich 900 Mark im Monat verdient? „Muss es unbedingt eine Jeans sein? Es gibt auch billigere Hosen“, antwortet die Frau Verkaufsdirektor. In ihrem Kopf funktioniert das System.

Einmal im Jahr muss sie dem ZWK den Bedarf des Bezirks Potsdam bekanntgeben. Wie, Kollegin, funktioniert das? Wie errechnen Sie den Bedarf?

Es folgt ein Wortschwall. „Umsatzzeitreihen, bedarfsbeeinflussende Faktoren, Wohnungsbau, Modernisierung, sozialökonomische Kennziffern, arithmetische Mittel.“

Am Ende steht eine Zahl. „Für 1990 haben wir 40 000 Siebe zu 40 Pfennig für den Bezirk Potsdam errechnet.“ Dass die Polen kommen könnten und die Siebe wegkaufen, kommt in der Rechnung nicht vor. Das System funktioniert nur dann halbwegs, wenn man eine Mauer aufstellt und keinen rein- oder rauslässt.

Die Zahl 40 000 ist amtlich geschätzt, von einem „Bedarfskollektiv“, in dem auch Querdenker wie Frau Rüffert sitzen dürfen. Die Geschäftsfrau zum Bedarfskollektiv: „Die Sitzungen waren immer sehr lustig. Wir haben gut gegessen und getrunken. Die Zahlen? Pi mal Daumen.“

* * *

Zwischenfrage: Wie kommt das Sieb vom Großhandel in den Laden? Mit einem Lkw des VEB Handelstransport Potsdam. Der Betrieb ist Vertragspartner des Großhandels und fährt regelmäßig die Läden an. Oder – immer öfter – unregelmäßig, wenn sich ein Beifahrer in den Westen verabschiedet und nicht sofort Ersatz gefunden werden kann.

Clevere Betriebsleiter holen sich selbstständig die Ware ab. Das ist zwar gegen den Plan, aber zielführend. Allerdings muss ein Wagen vorhanden sein, ein Fahrer, Benzin, Eigeninitiative. Und das alles außerhalb des „Plans“. Die Konsumgenossenschaft Potsdam hat nur drei betriebseigene Wagen.

350 kaputte Straßenkilometer später. Vorbei an dunklen Häusern, die ursprünglich einmal hell gewesen sind. Vorbei an „Rieselfeldern“, auf denen Kloaken in Unmengen offen entleert werden.

Dann ist das Ziel erreicht: Crottendorf im Erzgebirge. 6.000 Einwohner, ein Dorf an der tschechischen Grenze. Honecker, Mittag und Genossen haben den Wald hier sehr geliebt. Als Jagdgebiet. Ins Dorf haben sie offensichtlich nie geschaut.

Dann hätten sie vielleicht den schäbigen Hof entdeckt, in der Crottendorfer Bahnhofstraße. Dreckig, die Häuser seit Jahrzehnten ungepflegt. Der braune Schneematsch passt ins Bild.

Hier, im ersten Stock, wohnen Frank (29) und Ute (27) Vetter und ihre beiden aufgeweckten Söhne Thomas (5) und Sebastian (6). „Die Wohnung ist uns zugeteilt worden“, bedauert der Hausherr am Eingang zu seinem Heim. Die Räume sind wohnlich und nett eingerichtet. Ganz gute Ausstattung. Beziehungen.

Frank Vetter arbeitet als „Absatzdirektor Inland“ im VEB („Volkseigener Betrieb“) Metallwaren in Crottendorf. 304 Mitarbeiter, die die ganze DDR mit Metallwaren versorgen. Unter anderem mit Sieben.

40 Pfennig – wie geht das, Herr Vetter? „Es geht nicht“, legt dieser erzürnt los. „Wir verkaufen das Sieb für 29 Pfennig an den Großhandel. Die Herstellung kostet uns allerdings 98 Pfennig. Die fehlenden 69 Pfennig bekommen wir vom Staat. Monatlich.“

98 Pfennig – das ist der sogenannte „Industriepreis“, der erst im Januar dieses Jahres neu errechnet wurde. Der Lohnanteil ist gering. Die Frauen im Betrieb arbeiten um rund 6 Mark die Stunde, stellen 300 Siebe pro Stunde zusammen. Auch ein Gewinnanteil ist im Preis enthalten, rund 15 Prozent.

„Doch den Gewinn müssen wir am Jahresende an den Staat abführen. Zu 95 Prozent.“

Wenn modernisiert oder investiert werden sollte, müsste man Geld und Material beim Staat beantragen. Doch Geld und Material sind knapp.

Der alte Industriepreis betrug 70 Pfennig und war längst nicht mehr kostendeckend. „Dann hieß es sparen. Erst wurde das Blech dünner, dann das Drahtgewebe. Devise: Mach aus weniger mehr und aus Nichts alles!“

Wer mehr Strom verbrauchte als geplant, wurde bestraft. Selbst das Wasser war limitiert! Planwirtschaft geht bis zur letzten Schraube, bis zum letzten Sieb für 40 Pfennig.

„Es ist Gesetz, dass ein bestehender Endverbraucherpreis nicht geändert werden darf“, führt Herr Vetter aus und weiß nach Rücksprache mit einem Kollegen: „Der Preis für dieses Sieb wurde höchstwahrscheinlich im Jahre 1952 festgelegt und dann nie mehr verändert.“ Das Sieb – seit den 50-Jahren ein Verlustgeschäft.

Der Betrieb erzeugt 2,3 Millionen Kleinsiebe pro Jahr. Eine Million Siebe bleiben im Land. „Doch der Bedarf ist höher“, verblüfft der Absatzdirektor den Fragesteller. Selbst Kleinsiebe sind Mangelware in der DDR.

Der Rest der Produktion geht ins Ausland, gegen Devisen. Den Exportpreis kennt Herr Vetter nicht. Dafür war bisher die Staatsfirma UNION zuständig. Sie wird aufgelöst werden. Das Sieb, vermutet Vetter, könnte durchaus um 30 Pfennig West an Kaufhof oder Hertie gegangen sein.

Für ausländische Kunden wurde das Sieb auch in ein Zinnbad gelegt. Das leichter verrostbare Weißblechsieb blieb im Inland. Wie das Zinnbad. Es wird mit Kalk neutralisiert und in den Fluss, den Zschoppan, gegossen. Die Säure ist weg, doch die Schwermetalle bleiben übrig. Der Zschoppan: Klares Wasser, aber giftige Fische.

Ein hoher Preis für ein Sieb. Trotz 40 Pfennig Endverbraucherpreis. „Der Grundfehler war das Gesetz, das System. Die Politik hat die Preise gemacht, nicht der Markt“, sinniert Frank Vetter, der Industriekaufmann gelernt hat. Wichtigstes Fach: Marxismus-Leninismus.

„Lauter Unsinn!“, sagt Vetter. Diese Lehrbücher wirft er weg.

Diese Reportage ist am 31. März 1990 in der Wirtschaftzeitung AKTIV erschienen.

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Schlagwörter: Gesellschaft

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