Demografie

Das stemmen wir


Die Antwort unserer Industrie auf die alternde Gesellschaft

München/Aschaffenburg/Kitzingen. Das wird für die Wirtschaft zur Herausforderung: Bereits 2030 wird jeder dritte Mensch in Bayern über 65 Jahre alt sein. Heute ist es erst jeder fünfte. Die Bevölkerung altert – und die Belegschaft in den Betrieben mit.

Die Unternehmen der bayerischen Metall- und Elektro-Industrie halten dagegen. Ihr Rezept: sich auf ältere Mitarbeiter einstellen. Und gleichzeitig um Nachwuchs werben, der immer rarer wird.

Der große Einbruch kommt in 10 bis 15 Jahren

Um beides zu unterstützen, startete kürzlich das Projekt „demografie(me)“. Dahinter stehen die Arbeitgeberverbände bayme und vbm sowie die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Die Betriebe können auf einem eigens für Mitgliedsunternehmen reservierten Internet-Portal (www.altersstrukturanalyse-bayern.de) ihre jetzige Personalsituation prüfen. Noch wichtiger: Der Check zeigt, wie sie im Branchenvergleich in 10 oder 20 Jahren in puncto Personal dastehen. Tipps, wie Firmen die Arbeitswelt für Ältere gestalten können, gibt der Verband zudem in einem neuen Modellprojekt zum Demografie-Management.

Das Unternehmen Linde Material Handling in Aschaffenburg macht da mit. Bei dem Hersteller von Gabelstaplern und Antriebstechnik ist man sich bewusst: Man muss an vielen Schrauben drehen, um auch künftig genug Mitarbeiter zu haben. „Der große Einbruch kommt in 10 bis 15 Jahren, wenn die Babyboomer in Rente gehen“, sagt Firmensprecher Detlef Sieverdingbeck. „Wenn wir dann erst handeln, wäre es zu spät.“

Das Unternehmen ist der größte Ausbilder in und um Aschaffenburg und stellt jedes Jahr 70 Azubis ein. „Wenn von Demografie die Rede ist, stehen meist die Älteren im Fokus“, so der Sprecher. „Doch wir müssen zugleich den jungen Leuten Lust auf eine technische Ausbildung machen.“ Im Durchschnitt sind die Mitarbeiter bei Linde Material Handling 41 Jahre alt. Viele fingen als Lehrling an und sind noch nach Jahrzehnten an Bord.

Sie sollen möglichst lange gesund bleiben im Job. Die Firma hat daher alle Arbeitsplätze auf Gefahren überprüft. „Junge Leute können sich flink bewegen, ältere oft nicht. Das müssen wir bedenken“, sagt der Sprecher.

Öfter mal die Richtung wechseln

Das Unternehmen tut noch mehr: In der neuen Produktionslinie für Elektro-Stapler arbeiten die Monteure auf Brusthöhe. Sie müssen sich seltener bücken. Das schont den Rücken.

„Wie halte ich meinen Körper gesund?“ Dieses Thema geht auch Franken Guss in Kitzingen in Unterfranken an, ebenfalls Teilnehmer im Verbandsprojekt. „Wir sind ein Schwerindustrie-Betrieb, da wird körperlich hart gearbeitet“, erklärt Gesundheitsmanager Harald Kaiser. Ein Beispiel: das Ausladen von Gussteilen. Der Mitarbeiter muss jedes Teil in die Hand nehmen, prüfen und danach wieder ablegen. „Da werden pro Schicht leicht ein paar Tonnen bewegt“, schätzt Kaiser.

Was hilft? Nicht immer auf der Stelle stehen und öfters mal die Arbeitsrichtung wechseln. Das und vieles mehr lernen die Mitarbeiter in Ergonomie-Schulungen, einem Projekt mit der Krankenkasse AOK in Würzburg.

Als Nächstes nimmt sich Franken Guss den Schichtplan vor. In Schmelzerei und Instandhaltung wurden Früh-, Mittel- und Nachtschicht schon neu verteilt. Zufriedene Mitarbeiter und weniger Krankheitstage sind das Ziel. „Wir wollen noch mehr machen“, sagt Norbert Kretzer, der Leiter des Personalmanagements.

Nicht nur in der Produktion, auch im Büro verändert der demografische Wandel die Arbeitswelt. Die Retarus GmbH in München, ein Spezialist für elektronische Kommunikation von Unternehmen, hat das erkannt. Obwohl ihre 250 Mitarbeiter mit durchschnittlich 36 Jahren jünger als in den meisten reinen Industrie-Unternehmen sind.

Chancen auch mit über 60

„100 Prozent unserer Tätigkeit finden im Büro statt“, sagt Bianca Bacher, die Personalleiterin von Retarus. „Wir achten deshalb auf gute Möblierung – etwa höhenverstellbare Tische, an denen man im Stehen arbeiten kann.“ Und falls der Rücken trotzdem mal Probleme macht, gibt der Betriebsarzt Rat.

Teams stellt Retarus übrigens nicht extra „altersgemischt“ zusammen, sonden nach Qualifikation. „Ältere sind immer dabei, das ergibt sich wegen ihrer Erfahrung von selbst“, stellt Bacher fest. Deshalb hätten auch über 60-Jährige Chancen auf einen Job.

Die älteste Mitarbeiterin, die Retarus je eingestellt hat, war 63, als sie im Vertrieb begonnen hat. Sie ist, nach dem Neu­anfang gegen Ende des Berufslebens, mittlerweile in Rente.

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