Warum die Industrie in unserem Nachbarland einbricht

Das macht Frankreich wirtschaftlich falsch

Belfort/Paris. Die tragischen Attentate vom 13. November haben Frankreich nicht nur in der Seele tief getroffen. Überall patrouillieren schwer bewaffnete Polizisten und Soldaten; viele Touristen haben ihre Reisen abgesagt. „Das Urlaubsziel Frankreich droht infrage gestellt zu werden“, fürchtet Evelyn Maes vom Hoteliersverband UMIH.

Dabei war der Fremdenverkehr bisher einer der wenigen Stabilitätsfaktoren der Wirtschaft. Die Industrie dagegen ist seit Jahrzehnten im Niedergang. Schon 2003 hat Nicolas Baverez, einer der bekanntesten Publizisten des Landes, ein viel beachtetes Buch mit dem Titel „Frankreich im Niedergang“ verfasst. Er sagt im Gespräch mit AKTIV: „Die wirtschaftliche Lage in Frankreich ist dramatisch.“

Wie ernst es ist, lässt sich in der Franche-Comté, ganz im Osten, dicht an der Schweizer Grenze, beobachten. Belfort und die Nachbarstadt Montbéliard, das frühere württembergische Mömpelgard, sind traditionelle Industriezentren: Hier produziert man seit Jahrzehnten etwa Autos, Eisenbahnen oder Turbinen für Kraftwerke.




Auto-Produktion seit 2000 halbiert

Das Industriegebiet im Norden Belforts erstreckt sich über viele Kilometer. Die meisten Gebäude sind heruntergekommen, viele stehen leer. Trotz wachsender Bevölkerung sank in der Region die Zahl der Jobs im produzierenden Gewerbe in den letzten 30 Jahren um 50 Prozent.

Gerade erst wurde ein großer Teil des Traditionskonzerns Alstom vom Energieriesen General Electric übernommen – obwohl die Amerikaner neue Gebäude aus Stahl und Glas errichtet haben, fürchten viele hier einen weiteren Arbeitsplatzabbau. Die Alstom-Transportsparte, die den Schnellzug TGV produziert, blieb zwar französisch. Doch fielen in den letzten Monaten rund 100 Stellen weg. Es gibt Gerüchte, wonach die Hälfte der noch 560 Jobs gestrichen wird.

Nur 15 Kilometer südlich, in Montbéliard, stehen die riesigen Fabrikanlagen von Peugeot. Am einst größten Industriestandort Frankreichs baut das Unternehmen seit mehr als 100 Jahren Autos. Die Zahl der Beschäftigten ging hier seit dem Jahr 2000 von 18.000 auf nur noch 9.600 zurück. Ein Teil der Jobs landete bei Zulieferern wie Faurecia, doch viele gingen ganz verloren. Um wettbewerbsfähig zu werden, will Peugeot weitere Stellen streichen.

Die Inlandsproduktion der französischen Auto-Industrie hat sich laut Herstellerverband CCFA seit 2000 von 3 Millionen auf 1,5 Millionen Fahrzeuge halbiert – in Deutschland stieg sie im gleichen Zeitraum von 5,1 auf 5,6 Millionen.

Die Zahl der französischen Arbeitsplätze bei PSA (Peugeot Citroën) und Renault sank seit 2000 von 190.000 auf 125.000. Inklusive der Zulieferer beschäftigt die Branche etwas mehr als 200.000 Mitarbeiter.

Jährlich 180.000 ohne Schulabschluss

Peugeot gehört neben Daimler zu den Auto-Pionieren – das Museum „L’Aventure Peugeot“ zeugt von vergangenen, glorreichen Zeiten. Heute steht das über 200 Jahre alte Unternehmen weltweit lediglich noch auf Rang zehn der Autoproduzenten. 2014 wurde es nur durch den Einstieg des Staats und der chinesischen Dongfeng vor der Pleite gerettet.

Auch den Fußballklub FC Sochaux-Montbéliard, von Peugeot gegründet und 2007 noch französischer Pokalsieger, übernahmen Chinesen. Er kämpft in der zweiten Liga gegen den Abstieg.

So wie Frankreichs Industrie, die nicht mehr wettbewerbsfähig ist. „Die Steuer- und Abgabenbelastung unserer Unternehmen ist mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland“, erklärt Baverez. „Die hohe Besteuerung treibt jährlich 50.000 gut verdienende Haushalte aus dem Land und hat zu einer Verarmung des Mittelstands geführt.“ Dazu kommen die teure 35-Stunden-Woche, ein beschäftigungsfeindlicher Mindestlohn von 9,61 Euro und hohe Arbeitskosten, die laut Statistikamt Eurostat mit 37,47 Euro in der Industrie zuletzt aber etwas unter dem deutschen Niveau lagen.

„Frankreich ist das einzige europäische Land, das in den letzten Jahren keine strukturellen Reformen durchgeführt hat“, sagt Baverez. Die Arbeitslosenquote liegt dieses Jahr laut Internationalem Währungsfonds bei 10,2 Prozent (Deutschland: 4,7 Prozent), das Staatsdefizit bei 3,8 Prozent der Wirtschaftsleistung (Deutschland: 0,5 Prozent). Und die aufgelaufene Gesamtverschuldung beträgt 97 Prozent der Wirtschaftsleistung (Deutschland: 71 Prozent).

So geht es einem Land, das das starke Rückgrat Industrie nicht ausreichend kräftigt. Deren Anteil an der gesamten Wirtschaftsleistung ist seit dem Jahr 2000 von dem ohnehin niedrigen Niveau von 15,7 Prozent noch kräftig weiter gefallen, auf nur noch 11,2 Prozent. In ganz Deutschland sind es 23 Prozent, in Bayern sogar 27 Prozent.

Frankreichs Industrie ist zu wenig spezialisiert. Die Produkte sind qualitativ mittelmäßig. Das Land leistet sich das teuerste Sozialsystem unter den Industrieländern und schickt seine Bürger mit 62 Jahren in den Ruhestand, im öffentlichen Dienst teilweise sogar schon mit 55.

Zwar weist Frankreich die höchste Geburtenrate Europas auf. Doch es gelingt nicht, die jungen Leute in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Die Arbeitslosenquote der unter 25-Jährigen liegt bei 25 Prozent. Mehr als 70 Prozent eines Jahrgangs machen Abitur, doch viele von ihnen finden ebenso wenig einen Job wie die jährlich 180.000 (Deutschland: 50.000), die die Schule ohne Abschluss verlassen.

Besonders schwierig ist die Situation vieler Einwanderer-Kinder. In Vorstädten wie Belforts Les Glacis du Chateau oder Les Résidences bleiben sie sich selbst überlassen. Dort gibt es nicht einmal mehr Geschäfte. Taxifahrer weigern sich, da hineinzufahren.

„Das sind rechtsfreie Zonen mit Parallelgesellschaften, die einen Nährboden für die Radikalisierung durch Islamisten darstellen“, sagt René Lasserre, der das deutsch-französische Forschungsinstitut Cirac an der Uni Cergy-Pontoise leitet.

Nährboden für Radikalisierung

Die Regierung reagiert – zaghaft. Strukturelle Reformen des Arbeitsmarkts, der Sozialversicherung oder des Steuer- und Abgabensystems bleiben aus. Und auch die bescheidenen Maßnahmen wirken nicht. Laut Gilles Curtit, Chef der Industrie- und Handelskammer der Franche-Comté, werden Abgabensenkungen durch Steuererhöhungen auf anderen Gebieten aufgefressen.

Neben der Peugeot-Fabrik und im Innovationspark La Jonxion am schicken TGV-Bahnhof Belfort-Montbéliard haben sich einige Start-ups angesiedelt. Aber zu wenige Mittelständler erreichen eine kritische Größe, so Lasserre: „Mangels Kapital.“ Ohne die 32.000 Grenzgänger, die zur Arbeit in die Schweiz pendeln, sähe es noch düsterer in der Region aus.

Die wirtschaftliche und soziale Lage treibt dem rechtsextremen Front National Wähler zu. Aus den jüngsten Regionalwahlen ging er deutlich gestärkt hervor. Deutschlands wichtigstes Nachbarland – es durchlebt wirklich schwierige Zeiten.

Mehr zum Thema:

Arbeitsmarkt, Staatsfinanzen, Wettbewerbsfähigkeit – da hat Frankreich Probleme, um die sich der nächste Präsident kümmern muss. Der Anteil der Industrie an der Wirtschaft ist nur noch halb so groß wie in Deutschland.

aktualisiert am 24.04.2017

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